"Kleine Zeitung" Kommentar: "Gipfel der Vernunft" (von Michael Jungwirth)

Ausgabe vom 30.11.2001

Graz (OTS) - Wie sich Österreich bei Temelin in eine Sackgasse hinein manövriert hat, war schon abenteuerlich: Temelin als "Schrottreaktor" oder als "zweites Tschernobyl", eine Ausstiegskonferenz als moral-politische Verpflichtung der EU, die Osterweiterung als rechtlicher Hebel für die AKW-Stilllegung.

Die Politiker übertrafen sich in Anti-Temelin-Aussagen. Weniger aus Sorge um die Sicherheit, sondern um innenpolitisch zu punkten. SPÖ und Grüne entdeckten Temelin als möglichen Spaltpilz, die FPÖ erhoffte sich einen Ausstieg aus dem chronischen Umfragetief.

Umso größer jetzt das Entsetzen, wenn sich Schüssel und Molterer mit den Tschechen in Brüssel an den Tisch setzen, um Temelin "lediglich" nachzurüsten statt abzudrehen.

Man kann zur Atomkraft stehen, wie man will. Dass Österreich von gefährlicheren Reaktoren umgeben ist, stößt auf taube Ohren, weil es nicht ins Parteienkalkül passt. Auch will sich niemand erinnern, dass es die Österreicher waren, die in der EU stets auf die "Nichteinmischung in Energiefragen" gepocht haben.

Die Nachrüstung von Temelin ist angesichts der Ausgangslage schon eine Fleißaufgabe, das gestrige Treffen deshalb ein "Gipfel der Vernunft". ****

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