ÖGB-Konferenz: "Lebenslanges Lernen als zentrales Ziel"

Deutscher Experte referierte über die europäische Dimension des Qualifikationsbedarfs

Salzburg (ÖGB). Lebenslanges Lernen und individuelle Beschäftigungsfähigkeit sind seit einiger Zeit zu zentralen Zielen der europäischen Berufsbildungspolitik geworden, stellte Winfried Heidemann von der Hans-Böckler-Stiftung in Düsseldorf in seinem Referat auf der dritten ÖGB-Konferenz "startschuss.zukunft", die sich mit dem Thema Bildung beschäftigt, fest. Beide Ziele stehen im Rahmen der gemeinsamen europäischen Beschäftigungsstrategie, die 1998 auf dem Gipfel von Luxemburg als verbindliche beschäftigungspolitische Leitlinie für die Mitgliedsstaaten formuliert wurde. Auf dem Gipfel von Santa Maria da Feira im Frühjahr 2000 und unter der schwedischen Präsidentschaft wurde die Umsetzung dieser Ziele konkretisiert.++++

Den Hintergrund dafür, so Heidemann, stellen Globalisierung und die Entwicklung von Wissensgesellschaft und wissensbasierter Ökonomie dar. "Die 'neue Ökonomie' beschränkt sich nicht auf die 'dot.coms' des IT-Sektors, sondern bezeichnet tiefgreifende Änderungen in allen wirtschaftlichen Sektoren, auch in denen der traditionellen Produktionsökonomie: Schneller Austausch von Informationen, globaler Wettbewerb, Wissen und Innovation als entscheidende Produktionsfaktoren, neue Formen der Beschäftigung und neue Formen der Arbeitsorganisation", so Heidemann.

In Deutschland sehe man diesen tiefgreifenden Wandel der Arbeitsgesellschaft als "Erosion des Normalarbeitsverhältnisses". Globalisierung und wissensintensive Technik und Organisation der Arbeit führen dazu, so Heidemann, dass Arbeitssicherung weniger über die Sicherung des Arbeitsplatzes an sich, sondern zunehmend über persönliche Kompetenzen erfolgt. "Qualifikation könnte das Herzstück eines neuen Sicherungssystems werden, das die gewachsenen korporatistischen Sicherungen ergänzt oder sogar ablöst", erklärt Heidemann.

Mit der Organisation lebenslangen Lernens und individualisierter Beschäftigungsfähigkeit verändern sich auch die Aufgaben der Interessenvertretungen in Gewerkschaften und den betrieblichen Personalvertretungen. Heidemann: "Wir stehen vor einem Paradigmenwechsel von der Sicherung angemessenen Gehalts zu Erwerb, Ausbau und Sicherung der individuellen Qualifikationen. Ein skandinavischer Gewerkschafter hat das vor einiger Zeit so ausgedrückt: Von der Teilhabe am wirtschaftlichen Ertrag über die Teilhabe an institutioneller sozialer Sicherung zur Teilhabe an Wissen."

Die europäische Regulierung der Berufsbildung, so Heidemann, vollziehe sich weniger durch harte Gesetzgebung, denn mehr durch weiche Formen von Empfehlungen, von Orientierung an guter Praxis und von Wettbewerb um Problemlösungen, die sich im Benchmark bewähren müssen. "Auch der Soziale Dialog der europäischen Sozialparteien hat sich im vergangenen Jahr des Themas 'lebenslanges Lernen' angenommen. Sein derzeitiger Entwurf für eine Empfehlung steht interessanterweise unter der Überschrift 'Die lebenslange Entwicklung von Kompetenzen'. Darin drückt sich - zumindest für deutsche und österreichische Ohren - der Übergang von der Berufskategorie zur Qualifikations- oder gar Kompetenzkategorie aus", so Heidemann weiter.

Lebenslanges Lernen hat seinen Ort auch im Betrieb, gerade wenn es zu dauerhafter und flexibler Beschäftigung führen soll. "Hier ist in den vergangenen Jahren ein neues Muster des Zugangs zu lebenslangem Lernen aufgebaut worden. Länder mit ausgebauter betrieblicher Mitbestimmung haben hier einen Vorteil", sagt Heidemann. "Lebenslanges Lernen ist ein individuelles Projekt" - diese Sichtweise persönlicher Verantwortung für die eigene Bildungskarriere und die eigene Beschäftigungsfähigkeit setzt sich in Europa immer weiter durch. Die Wahrnehmung von Bildungschancen setze jedoch eine entsprechende Infrastruktur voraus und Beschäftigungsfähigkeit hat neben der individuellen auch eine organisationale Dimension: "Jedes Land der EU muss auf die europäischen Herausforderungen seine eigenen Antworten finden, sich dabei aber auch an den Antworten und Problemlösungen anderer Länder orientieren. Auf diese Weise werden langfristig die Bildungssysteme in Europa immer mehr konvergieren", so Heidemann. (aw)

ÖGB, 29. November 2001
Nr. 1029

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