"Presse"-Kommentar: Auftakt zur Bin-Laden-Jagd (von Gerhard Bitzan)

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"Presse"-Kommentar: Auftakt zur Bin-Laden-Jagd (von Gerhard Bitzan)

Ausgabe vom 27. November 2001

Wien (OTS). Nun ist es also soweit. Für die USA hat in Afghanistan die
entscheidende, heiße Phase begonnen. Mit der Landung von mehr als tausend US-Marines in der Nähe von Kandahar haben die Amerikaner ein großes Risiko auf sich genommen.
Jetzt ist die Gefahr drastisch gestiegen, daß amerikanische Soldaten in einen Hinterhalt geraten, in schwere Kämpfe verwickelt und getötet werden. Und daß es für eine Regierung extrem schwierig ist, derartiges innenpolitisch durchzustehen, weiß man spätestens seit Vietnam.
Dennoch ist der Schritt ein konsequenter und strategisch kluger. Denn erstens handelt es sich um Sondereinheiten, die doch besser auf das "Minenfeld" Afghanistan vorbereitet sind als reguläre Truppen. Somit bleibt die anfänglich geäußerte Befürchtung, die USA könnten unüberlegt massiv Bodentruppen an den Hindukusch entsenden, vorerst weiterhin vom Tisch.
Dazu kommt, daß sich die Amerikaner mittlerweile offenbar auch über die ethnischen Befindlichkeiten in Afghanistan ausgiebig informiert haben. Denn die bisher siegreiche Nordallianz, die vor allem aus Minderheiten besteht, wird im Rest des Landes mit großer Skepsis gesehen. Würde die Nordallianz in den Süden vorstoßen, käme es mit Sicherheit zu blutigen Auseinandersetzungen mit den dort regierenden Paschtunenstämmen.
Umgekehrt haben die USA nicht genügend Vertrauen in die oft antiamerikanisch eingestellten Paschtunen, um ihnen die Vertreibung der letzten Taliban zu überlassen.
Und schließlich steht jetzt die Endjagd auf Osama bin Laden bevor -und diesen Job wollen sich die Amerikaner nicht nehmen lassen. Immerhin war die Suche nach dem Top-Terroristen, der die USA in ihre größte Krise gestürzt hat, der ursprüngliche Anlaß für den Afghanistan-Krieg.
Während für die Nordallianz die Schlacht weitgehend geschlagen ist und es jetzt im wesentlichen um die Aufteilung der Macht geht, stehen den USA erst die entscheidenden Tage bevor: Das Terrornetzwerk al-Qaida muß gänzlich ausradiert werden, Bin Laden muß erwischt werden - egal ob tot oder lebendig. Und das Ganze wird ohne eigene Verluste voraussichtlich nicht abgehen.

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