"Presse"-Kommentar: 0 : 5 (von Hans Werner Scheidl)

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"Presse"-Kommentar: 0 : 5 (von Hans Werner Scheidl)

Ausgabe vom 16. November 2001

Wien (OTS). Österreich wird also im kommenden Jahr kein Fußball-Nationalteam
zur Weltmeisterschafts-Endrunde schicken. Das ist gut so. Das spart viel Geld, spart viel Nerven. Das - im buchstäblichen Sinne - letzte Aufgebot des heimischen Fußballsports ist in der Vorrunde ausgeschieden. In der Liga der weltbesten Mannschaften ist eben kein Platz für die Österreicher.
Warum? Warum bringt dieses geliebte Völkchen - nicht weniger sportlich als seine Nachbarn - keine elf Sportler hervor, die halbwegs mit der Weltspitze mithalten können? Genügt als Antwort wirklich, sich auf Mentalität, Wohlstand und Bequemlichkeit auszureden? Ist's dies allein?
Natürlich spielt auch das eine Rolle. Man muß gar nicht erst auf die Notzeiten zwischen den beiden Weltkriegen verweisen, als den Kindern und Jugendlichen gar keine andere spielerische Betätigung geboten wurde als das Spiel mit dem Fetzenlaberl auf der Straße. Fußball war nicht nur ein Volkssport der Armen, es war auch die einzige kostenfreie Ablenkung vom tristen Alltag. Schon sind wir so weit, daß sich der Manager des deutschen Traditionsklubs Schalke 04 "wieder ein paar Armenviertel in Deutschland" wünscht, um halbwegs ein paar Talente rekrutieren zu können. In der Türkei, so erzählt der Weitgereiste, habe er mit Neid verfolgt, "wie die jungen Kröten mit Feuereifer auf den staubigen Straßen kicken, weil sie nichts anderes haben." Während Jugendspieler im ehemaligen Ostblock noch für ein warmes Essen und ein kleines Taschengeld zu haben sind, rücken in Deutschland - detto in Österreich - halbwegs akzeptable Talente gleich mit Steuerberater und Rechtsanwalt zu Verhandlungen mit den Klubs an.
Das alles dürfte eine richtige Beobachtung sein. Auch der Umstand, daß sozial Deklassierten oftmals nur der Fußballplatz offensteht, wo sie die soziale Revanche suchen können - und manchmal auch finden. Aber das hieße im Umkehrschluß, daß nur Länder mit geringen Aufstiegschancen und einem hohen Prozentsatz an Jugendarbeitslosigkeit imstande wären, genügend Talente hervorzubringen. Dann dürften weder die Dänen noch die Deutschen, weder die Spanier noch die Franzosen Teams zusammenbringen, die "ganz oben" mithalten können.
Die Crux dürfte doch viel einfacher zu orten sein. Außer dem austro-kanadischen Milliardär Frank Stronach hat sich hierzulande noch keiner die Mühe gemacht, eine Fußballakademie aus dem Boden zu stampfen, wie das in anderen Staaten seit Jahr und Tag üblich ist. Auch Stronachs "Talenteschuppen" wird freilich erst in zehn Jahren greifbare Ergebnisse erzielen. Warum - fragt der erstaunte Laie -gibt es zwar ein Ski-Gymnasium, aber keine Fußball-Mittelschule im ganzen weiten Land? Warum - fragt der gelernte Österreicher - sind die Mängel und Schwächen den Verantwortlichen, die sich im Glanze ihrer Posten und Pöstchen sonnen, seit Jahrzehnten bewußt, ohne daß Nennenswertes geschieht? Vor exakt zehn Jahren hat ein Krisengipfel beim Fußball-Präsidenten Mauhart beschlossen, daß endlich die Nachwuchsarbeit forciert werden muß. Der Präsident freute sich nach der Klausur über das "angenehme Gesprächsklima". Das war's dann. Ja, angenehm. So wollen wir's alle haben. Und so wird es ja wohl auch weiter bleiben. Neben Eifersüchteleien und Eitelkeiten der diversen Klubpräsidenten wird der beinharte Leistungssport auch weiter ein unsagbar trauriges Mauerblümchendasein fristen.
Gewiß: Es gibt wahrlich wichtigere Dinge in unserem Leben. Aber wo Geld - nebstbei: sehr viel Geld - im Spiel ist, dort muß auch so gearbeitet werden, daß die Investition gerechtfertigt erscheint. Daß dem derzeit nicht so ist, das wissen selbst blutige Laien inzwischen. Nicht erst seit dem 0 : 5 gegen die Türkei.

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