Klinikärzte in Alarmstimmung (3)

Neues Uni-Dienstrecht: Klinikkarriere Privileg der Reichen?

Wien (OTS) - Der Hochschulreferent der Wiener Ärztekammer und der ÖÄK, Univ.-Prof. Dr. Michael Gnant, übte anlässlich der Pressekonferenz heftige Kritik am neuen Dienstrecht, da es zu massiven Problemen für die postpromotionelle Ausbildung führen werde. "Unter anderem werden die niedrigen Grundgehälter der wissenschaftlichen Assistenten dazu führen, dass das erste Auswahlkriterium einer wissenschaftlichen Karriere künftig die reichen Eltern sind", warnte Gnant. Am AKH zeichneten sich einen Monat nach Einführung des neuen Dienstrechts bereits die ersten Problemfälle unter den Betroffenen ab.

"Ein junger Arzt hat an der Klinik für Chirurgie im Wiener AKH schon nach dem ersten Monat in einem Dienstverhältnis nach neuem Dienstrecht gekündigt, weil er keine Perspektiven mehr für sich sah", berichtete der Hochschulreferent. "Der Arzt war von einer noch nach altem Recht laufenden befristeten Karenzvertretungstelle am 1. Oktober auf eine neue befristete Vertragsassistentenstellen nach neuem Dienstrecht gewechselt, merkte aber, dass er sich als alleinerziehender Vater seine wissenschaftliche Karriere nicht mehr leisten konnte", so Gnant.

Härten in der beschriebenen Weise kämen im übrigen demnächst auf alle wissenschaftlichen Mitarbeiter zu, die bereits auf befristeten Stellen gearbeitet hätten und nun Aussicht auf einen Anschlussvertrag in gleicher Position hätten, der allerdings nach neuem Dienstrecht bei gleicher Arbeit nur noch das drastisch reduzierte Gehalt vorsehe.

Rückgang der Bewerbungen

Es zeichne sich außerdem ein deutlicher Rückgang der Bewerberzahlen ab, bemerkte Gnant. "Bei unserer letzten Planstellenbesetzung hatten wir für eine Stelle nur noch vier Bewerber, für die wir sonst zwischen 15 und 20 Ansuchen hatten", berichtete der Wiener Hochschullehrer. Seine Prognose:"Die Bewerbungen werden noch weiter zurück gehen, wenn die Folgen des neuen Dienstrechts allgemein bekannt sind."

In diesem Zusammenhang verwies Gnant auf die breite Solidarität, welche die vom neuen Dienstrecht besonders hart getroffenen wissenschaftlichen Assistenten von den schon etablierten Hochschullehrern, darunter auch prominenten Professoren und Klinikchefs, bisher erhalten haben. Gnant: "An unserer Unterschriftenaktion im Oktober haben sich nicht nur Betroffene, sondern auch eine ganze Reihe namhafter und renommierter Klinikchefs beteiligt. Die Sorge um die talentierten jungen Ärzte wird von allen geteilt, denen die Zukunft der Universität ein Anliegen ist."

Ärzte ungleicher?

Das neue Dienstrecht böte neben dem geringen Grundgehalt übrigens noch weitere Ungerechtigkeiten, führte Gnant weiter aus. So sei im Dienstrecht für wissenschaftliche Mitarbeiter anderer Fakultäten explizit festgehalten, dass diese 50 Prozent des nunmehr Ausbildungsbeitrag genannten Gehalts für wissenschaftliche Arbeit erhielten. "Fair wäre es gewesen, dies auch den Ärztinnen und Ärzten zuzugestehen. Doch in ihrem Bereich existiert dieser Schutz nicht", kritisierte Gnant. "Was das für einen Jungarzt bedeutet ist, klar: Er wird seitens des Dienstgebers nach Möglichkeit voll in die Patientenversorgung eingebunden und muss seine Dissertation, die ab dem Jahr 2002 für die Hochschullaufbahn zwingend vorgeschrieben ist, irgendwann nach Feierabend machen. Wie das gelingen soll, wenn man ohnehin schon 72 Wochenstunden absolvieren muss, um auf ein halbwegs vernünftiges Gehalt zu kommen, ist mir schleierhaft. Die ganze Regelung muss zurück genommen werden."

Haberlik: Tickende Zeitbombe

An der Universitätsklinik Graz beinhalte - wie auch an der Universitätsklinik Innsbruck - die neue Gehaltsregelung für die wissenschaftlichen Assistenten noch eine weitere spezifische Benachteiligung, berichtete der Hochschulreferent der Ärztekammer für Steiermark, Univ.-Prof. Dr. Axel Haberlik: "An unserer Universitätsklinik arbeiten Bundesbediensteten neben Landesbediensteten. Der Unterschied, der nun mit dem neuen Dienstrecht entsteht, ist, dass der Bundesbedienstete, der neben Patientenversorgung auch noch für Wissenschaft und Forschung tätig ist, weitaus weniger Gehalt erhält, als der Landesbedienstete, der ausschließlich für die Patientenversorgung tätig ist. Für mich lässt das Szenario nur einen Schluss zu: Beim Bund werden die Bewerbungen deutlich zurück gehen."

Ökonomischer Druck auf Qualität

Das neue Dienstrecht gleiche einer tickenden Zeitbombe, die in einigen Jahren volle Sprengkraft entwickelt haben werde, kritisierte Haberlik. Der zu erwartende Verfall der Spitzenmedizin und -forschung werde nämlich noch durch zusätzliche Faktoren geschürt. So seien die Möglichkeiten, einen guten Mitarbeiterstab zu bilden, auch durch die Tatsache eingeschränkt, dass Dienstverhältnisse nur noch befristet ausgeschrieben werden. Zumal durch die vorgesehene Deckelung der Budgets der Kliniken völlig ungewiss sei, ob für einen Wechsel in eine nächst höhere Position nach einer Ausbildung überhaupt noch entsprechende Stellen vorhanden seien. Das neue Hochschulrecht schaffe für die Kliniken aufgrund vorgesehener Globalbudgets jedenfalls einen größeren ökonomischen Druck, dem sich auch die Überlegung, welche Stellen künftig geschaffen würden, unterordnen werde. Haberlik. "Eine Klinik wird sich aus ökonomischen Gründen künftig überlegen, ob man nicht statt eines teuren Oberarztes noch einmal zwei billige Nachwuchsmediziner nimmt. Das heißt, es wird eine Reihe von Stellen wegfallen, in die der ausgebildete Facharzt eigentlich aufrücken sollte."

Haberlik: "Angestrebt mit dem Gesetz waren eine behutsame Modernisierung und Flexibilisierung der Universitäten, die an sich nichts Schlechtes ist und gegen die sich niemand wehren wird. Aber mit dem neuen Dienstrecht ist das Kind mit dem Bade ausgeschüttet worden. Gab es bisher überhaupt keine Flexibilität, ist das Pendel nun ins andere Extrem umgeschlagen. Das neue Dienstrecht in seiner jetzigen Form hat zur Folge, dass die Wettbewerbsfähigkeit der Universitäten nicht wie beabsichtigt gestärkt, sondern geschwächt wird." (Schluss)

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