"Die Presse" - Kommentar: "Ein Alptraum namens Taliban" von Gergard Bitzan

Ausgabe vom 14.11.2001

WIEN (OTS). Ist der Alptraum Afghanistan vorbei? Fast unglaublich muten die Nachrichten an, die uns derzeit vom Hindukusch erreichen. Noch am Freitag haben Skeptiker über die USA und die Taktik gehöhnt, mit der Amerika den Afghanistan-Krieg gewinnen will. Dann kam der Fall von Mazar-i-Sharif. Seither sind alle Dämme gebrochen: Die wichtigsten Städte in der Hand der Opposition, die Taliban auf dem Rückzug.
Schon kommen die ersten Einwände: Die "neuen Herrscher" seien um keinen Deut besser als die Taliban, heißt es. Und außerdem müsse man erst sehen, ob es nicht ein taktischer Rückzug war und die Taliban den Siegern mit Guerilla-Angriffen die Hölle heiß machen werden. Nun, beides hat seine Berechtigung. Vor allem die Berichte über ein von der Nordallianz verübtes Massaker lassen nichts Gutes erahnen. Aber haben wir ganz vergessen, was sich seit 1996, seit der Machtübernahme der Taliban, in Afghanistan abgespielt hat? Da hat eine Bewegung von moslemischen Eiferern versucht, ein archaisches Islam-Modell in die moderne Zeit zu pressen. Ein Modell, in dem Frauen zu einem Niemand degradiert wurden, die nicht nur striktest ihr Gesicht verhüllen mußten, sondern weder lernen noch arbeiten durften. Ein Modell, in dem das Hören - und natürlich Spielen - von Musik verboten war, wo es kein Radio und kein TV gab, wo Fußball und andere Sportarten und Zerstreuungen keinen Platz hatten. Und wo auch Kunst und Kultur - siehe die Zerstörung der historischen Buddha-Statuen - mit Füßen getreten wurden.
Erinnert sei auch daran, daß während der Taliban-Schreckensherrschaft zahllose Menschen in Kerkern schmachten mußten, daß Tausende hingerichtet wurden, meist wegen irgendeiner Bagatelle. Nicht zu vergessen, daß die Taliban ihr Land zu einem Trainingslager und Aufmarschgebiet für internationale Terroristen wie etwa Bin Laden gemacht haben.
Noch einmal: Der Krieg ist noch nicht aus, niemand weiß, was die Taliban planen. Auch Bin Laden, der eigentliche Anlaßfall, ist noch nicht gefaßt. Aber jetzt ist die Stunde der USA, des Westens und vor allem der UNO gekommen, sicherzustellen, daß sich ein Terrorregime à la Taliban nicht wiederholen kann.

Rückfragen & Kontakt:

Chef v. Dienst
Tel.: (01) 514 14-445

Die Presse

OTS-ORIGINALTEXT UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PPR/PPR