Offener Brief an Frau Bundesminister Forstinger

Lainzer Tunnel wäre bei einem Brand eine Todesfalle

Wien (OTS) - Sehr geehrte Frau Bundesminister!

In diesen Tagen jährt sich Ihr Amtsantritt. Er war überschattet von 155 Brandopfern im Kapruner Bergbahntunnel, dem tragischen Höhepunkt einer bislang endlosen Folge in- und ausländischer Tunnelkatastrophen. Die Todesauslöser bei Bränden in einröhrigen Tunneln sind erfahrungsgemäß dichte Rauchgase mit totaler Atmungs-und Sichtbehinderung; zu lange und oft blockierte Fluchtwege; Hitzeentwicklung über 1000 Grad C, wobei Lösch- und Bergetrupps am Einfahren gehindert werden und obendrein die Tunneldecke samt Lüftungssystem einstürzt.

Daß Sie als zuständige Ministerin aus diesen Tatsachen nicht schon längst Konsequenzen für den ebenfalls einröhrig geplanten Lainzer Tunnel gezogen haben, mag an Ihren hausinternen Beratern liegen, stößt jedoch weithin auf Unverständnis. Vielleicht können Sie für die Sicherheit dieses langen Tunnelprojekts gerade aus dem jüngsten Flammeninferno im St. Gotthardtunnel lernen:

Mit seinem Rauchabzugsystem und parallelen Sicherheitsgang galt der St. Gotthard-Straßentunnel unter Experten als sehr sicher. Immerhin konnten sich in den ersten Minuten trotz starken Qualms Fahrgäste in den Fluchstollen retten; andernfalls wäre die Anzahl der Todesopfer wesentlich höher ausgefallen.

Demgegenüber weist der Lainzer Tunnel - neben weiteren Sicherheitsmängeln - keinen parallelen Fluchtstollen mit Zugängen im Abstand von 250 m auf, sondern nur alle 500 m vertikale, bis zu 80 m (!) hohe Ausstiege (Kaminwirkung!). Weiters sind keine Entlüftungsschächte wie beim St. Gotthardtunnel vorgesehen, sodaß bei einem Brandunglück, wenn überhaupt, sich nur ganz wenige Menschen retten könnten. Mit anderen Worten: Der Lainzer Tunnel würde zu einer schon jetzt absehbaren, unentrinnbaren Todesfalle für hunderte Fahrgäste werden!

Will man den Güterverkehr (einschl. Gefahrengut!) wunschgemäß auf die Schiene verlagern, dann muß zum Schutz von Fahrgästen und Anrainern auch beim Bau von Bahntunneln das oberste Gebot Risikominimierung lauten. Und die kann nur durch Trennung des Begegnungsverkehrs in zwei gesonderte Röhren erzielt werden. Der Nutzen wäre mehrfach: Reduziertes Unfallrisiko; erhöhte Chance der Betroffenen auf Selbstrettung über Querschläge; Zufahrt der Einsatzkräfte und reduzierter Streckenbetrieb über die zweite Röhre.

Es besteht Handlungsbedarf, sehr geehrte Frau Minister! Nützen Sie dafür die erst kürzlich aufgehobene Baubewilligung zum Abschnitt 2 des Lainzer Tunnels! Denn, wenngleich der Generalverkehrsplan den Lainzer Tunnel wegen begonnener Bautätigkeit nicht mehr in Frage stellen will, so stimmt diese Auffassung mit den rechtlichen Gegebenheiten nicht überein! (Ein Verkehrsplan übrigens, der die Priorität von Projekten nicht nach Nutzen und Wirtschaftlichkeit reiht, sondern von bekannten Lobbies hinter dem Mäntelchen "unabhängiger Experten" durchgesetzt wurde.)

Ein Bau dieses sicherheitstechnisch in keiner Weise dem heutigen Stand der Technik entsprechenden Lainzer Tunnels würde bei Überprüfung durch eine internationale Sicherheitskommission höchstwahrscheinlich als grob fahrlässig eigestuft werden. Das gegenwärtige Verhalten unserer Obersten Eisenbahnbehörde - Augen und Ohren verschließen und weiterbauen lassen - müßte schon jetzt dazu führen, die für diese Fehlplanung und Genehmigung Zuständigen rechtlich zur Verantwortung zu ziehen!

Das Untersuchungsergebnis von Kaprun gilt als Warnung zur "Todesfalle" Lainzer Tunnel: Auch Beamte Ihres Ministeriums zählen zu jenen Verdächtigen, die für den Tod von 155 Menschen verantwortlich sind. Abgesehen von menschlichen Tragödien erwachsen damit durch Mißachten von Sicherheitsvorschriften dem österreichischen Steuerzahler Schadenersatzkosten in Milliardenhöhe!

Hochachtungsvoll
Mag. Franz Schodl

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