"Presse"-Kommentar: Die schwierigen Nachbarn (von Andreas Unterberger)

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"Presse"-Kommentar: Die schwierigen Nachbarn (von Andreas Unterberger)

Ausgabe vom 10. November 2001

Wien (OTS). Wahrscheinlich hat das Christentum deshalb die Nächstenliebe zu
seinem Hauptgebot gemacht, weil wir uns mit der Fernstenliebe viel leichter tun. Und weil fast alle Konflikte mit den Nächsten, mit den Nachbarn entstehen - im Persönlichen wie im Politischen.
Daß die Welt derzeit im Banne des Konflikts USA gegen Afghanistan steht, also zwischen sehr weit entfernten Ländern, widerspricht dieser These nur oberflächlich: Denn die wichtigsten Wurzeln dieser Konfrontation liegen im israelisch-palästinensischen Zwist und im Überfall des Iraks auf Kuwait. Beide Male also geht es um einen Streit zwischen direkten Nachbarn, die beide dasselbe Territorium beherrschen wollen. Auch der Zusammenstoß der Kulturen, der zwischen Islam und christlich geprägter Welt, ist im Grund ein Konflikt zweier Nachbarn - um die Ausdehnung von geistigen und damit mittelfristig unweigerlich auch politischen Einflußzonen.
Springen wir nach Österreich. In ein Land, in dem die Bevölkerung mehrheitlich glaubt, daß es möglich ist, sich aus allen fremden Händeln herauszuhalten. Politiker, Lehrer, manche Professoren haben ihr dies lange genug eingeredet. Man rufe nur "Neutral!", und schon bleibt alles Böse draußen vor der Tür.
Psychologisch ist diese Illusion aber durchaus verständlich. Denn der Erkenntnisprozeß, daß Neutralität nicht Sicherheit, sondern Gefahren-Erhöhung bedeutet, ist ein schwieriger und schmerzhafter. Und wie soll der Durchschnittsösterreicher diesen Prozeß durchlaufen können, wenn bis heute im ORF praktisch keine Neutralitätskritik geübt werden darf? Wenn Volksschullehrer den Kindern erklären, Neutralität heißt, wir sind besser als die anderen, weil die wollen immer Krieg führen?
Das Verständnis für diese Sehnsucht nach Ruhe und Sicherheit hört jedoch angesichts eines absoluten Paradoxons auf: nämlich der hohen Bereitschaft, gegen einen Nachbarn in Konfrontation zu gehen. In eine Konfrontation, die noch dazu das Adjektiv aussichtslos verdient. Wer Neutralität ständig als angebliche Friedenspolitik zur höheren Ehre der Altäre erhebt, der wird absolut unglaubwürdig, wenn er gegen einen Nachbarstaat kampagnisiert. Wenn er Grenzblockaden organisiert oder zuläßt. Wenn er als Lehrer und oberösterreichischer Landesschulrat Pflichtschulkindern Angst vor diesem Nachbarn einjagt und sie zum Schreiben von Kettenbriefen animiert. Wenn er einem ganzen Volk in der Mitte Europas den Ausschluß aus der Gemeinschaft der Europäer androht - und zugleich für eine wirkliche Veto-Politik politisch nicht stark genug ist. Denn dann würde in der EU die Diskussion wieder aufbranden, ob man sich eine Erpressung durch ein kleines Land wirklich dauerhaft gefallen läßt oder ob man dann nicht eher den Erpresser ausschließen soll. Griechenland hat diese Gefahr begriffen, nachdem es eine Zeitlang Europa zur Geisel seiner Mazedonien-Politik gemacht hatte.
Das alles heißt nun nicht, daß Österreich nicht jedes Recht hätte, auf konkreten Sicherheitsmaßnahmen und internationalisierten Kontrollen zu bestehen. Das heißt auch nicht, daß Prag nicht die Folgen seiner einstigen Vertreibungspolitik gegenüber den Deutschen mit den heutigen Menschenrechtsstandards in Einklang bringen müßte. Das heißt aber, daß es extrem gefährlich, dumm, selbstbeschädigend und kurzsichtig ist, wenn die oberösterreichische ÖVP (lange und aggressiv), viele Grüne wie Sozialdemokraten (immer wieder) und fast alle Freiheitlichen (wechselhaft, aber zuletzt immer stärker) von einer Vetopolitik sprechen.
Gerade mit schwierigen Nachbarn - und die trotzige Eigenwilligkeit der Tschechen ist ja nun auch nicht gerade nachbarschaftsfördernd -muß jedes Wort doppelt auf die Waagschale gelegt werden.

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