"Tiroler Tageszeitung" Kommentar: "Der globale Patient" (Von Peter Plaikner)

Ausgabe vom 10. 11. 2001

Innsbruck (OTS) - Niedergeschlagenheit ist allgegenwärtig. Das Nulldefizit lässt nur verhalten jubeln. Die Leitzinssenkung wird bloß als überfällig registriert. Das Stimmungstief bleibt.

Unaufhaltsam erteilt die Globalisierung ihre Lektionen. Nicht bloß nationaler Erfolg, sogar internationale Unterstützung vermag wenig im weltweiten Diktat. Nach jahrelang überschäumender Euphorie herrscht abgrundtiefe Depression. Erst kurbelte die Übertreibung der Gefühle die Wirtschaft an. Nun wirkt sie dadurch gelähmt. Kollektive Empfindungsstörungen sind eine Hauptursache der drohenden globalen Rezession.

Psychologie ist die halbe Miete der Ökonomie. Diese hat am 11. September ihren Vorrang verloren. Und zur Erholung der Märkte ist das neue Primat der Politik wenig hilfreich. Ihre Angstbekämpfungsstrategien sind zu anlassbezogen, ihre Verhaltensmuster zu austauschbar. Schreckenszenarios wie Terror und Langzeitthemen wie Atomkraft ernten den immer gleichen Sicherheitsreflex.

Doch in Wahrheit fürchten wir uns schon wieder nicht mehr zu Tode. Der gefährdete Wohlstand führt die Sorgenliste an. Dazu gilt es positive Zeichen zu setzen.

Immerhin verbucht Österreich ein überraschend gestiegenes Steueraufkommen. Deutschland dagegen, in dessen unentrinnbarem Sog wir uns oft glauben, regis-triert einen Abgabeneinbruch. Wie nachhaltig diese Entwicklungen sind, sei dahingestellt. Aber sie taugen zur kurzzeitigen Erholung des ohnehin schwer angeschlagenen Selbstbewusstseins. Die Binsenweisheit Es geht uns gut benötigt den Vergleich besser als den anderen.

Damit das so bleibt, müssen Strukturreformen im Bildungs- und Sozialbereich Priorität haben. Sie sind schmerzlich, aber der einzige Ausweg zur langfristigen wirtschaftlichen und staatlichen Wettbewerbsfähigkeit.

Der 11. September dient in global einmütigem Zynismus für überfällige ökonomische Maßnahmen. Sie hätten sonst länger gedauert. Nun bietet sich die Chance zur schnelleren Erholung. Diese Wahrheit ist zumutbar. Wir dürfen uns nicht kranker jammern als wir sind.

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