Wird Atypisch typisch?

Beratungs- und Forschungsprojekt startet am 7. November

Wien (KMSfB/ÖGB). Rund jedes dritte Beschäftigungsverhältnis in Österreich ist derzeit "atypisch". Immer mehr Beschäftigte -inzwischen über eine Million - unterliegen Arbeitsformen, die vom Normalarbeitsverhältnis abweichen. Die Tendenz ist steigend - und zwar in allen EU-Ländern.++++

Zwischen Teilzeitbeschäftigung, Geringfügigkeit, Freiem Dienstvertrag und Leiharbeit erstreckt sich ein Spektrum, das eine Grauzone zwischen selbständiger und abhängiger Erwerbstätigkeit darstellt. Die soziale Absicherung ist häufig ungenügend, zum Überleben müssen oft mehrere Beschäftigungen parallel ausgeübt werden.
Die Zahl der Neuen Selbständigen und Freien Dienstnehmer steigt rasant an. Alleine im Jahr 2000 gab es eine Steigerung von 16% bei den freien Dienstnehmern. Die Zahl der "Neuen Selbständigen" ist um 39 Prozent gestiegen.

"Kaum jemand der Betroffenen hat sich die Form seines Beschäftigungsverhältnisses so ausgesucht. Fast alle würden ein ordentliches Dienstverhältnis vorziehen", sagt Prof. Franz Becke, der Vorsitzende der Gewerkschaft Kunst, Medien, Sport, freie Berufe.

Unfreiwillig Selbständige
Die Alternative zur Arbeitslosigkeit heißt sehr oft freie Mitarbeit und "Neue" Selbständigkeit. Es handelt sich dabei nicht nur um "selbstausbeutende Schmutzkonkurrenz" für die festangestellten Mitarbeiter. "Scheinselbständige" haben oft keine andere Chance, als den Berufs(wieder)einstieg so zu gestalten.
"Im weitesten Sinn wird besonders der Bereich 'Neuer Selbständiger' von Unternehmern dazu benutzt, das unternehmerische Risiko an die Beschäftigten zu delegieren", so Thomas Linzbauer, Zentralsekretär der Gewerkschaft KMSfB.
Daß angesichts der verwirrenden Vielfalt der möglichen Beschäftigungsverhältnisse bei den Betroffenen Beratungsbedarf vorhanden ist, liegt auf der Hand: "Es gibt immer mehr Anfragen bei unseren Informationsveranstaltungen, besonders aus dem Bereich der 'Neuen Medien' und der Gesundheits- und Freizeitberufe. Viele Beschäftigte sind überrascht, wenn sie erfahren, daß das Arbeitsrecht für sie nicht gilt und sie keinen Anspruch auf bezahlten Urlaub, Weihnachtsgeld, Kündigungsfristen etc. haben."

Umso erfreulicher, daß der ÖGB und die AK zusammen mit mehreren Gewerkschaften die Initiative unserer Gewerkschaft aufgreifen, um gemeinsam Lösungen zu finden. Dafür sind die Mitarbeiter der KMSfB durch die jahrzehntelange Erfahrung mit "Freien Berufen" besonders prädestiniert.
Die Arbeit für diese neue Klientel nicht betriebsgebundener Mitglieder besteht im Aufbau von zielgruppengerechten Beratungsangeboten (z. B. Steuerfragen) und Netzwerken, Entwickeln von Musterverträgen und vielem mehr.
Wir stehen am Beginn einer Entwicklung, die einen radikalen Wandel der Arbeitswelt bedeuten kann. In den Niederlanden und in Nordrhein-Westfalen gibt es bereits Projekte, die auch "Mikrounternehmer", also "klassische" Kleinunternehmen ohne Angestellte in die Betreuung einbezieht. Diese Erwerbsform boomt besonders in der "New Economy".
Aus ehemaligen Arbeitnehmern werden oft Mitunternehmer, statt Lohn bekommen die Beschäftigten einen Anteil am Unternehmensgewinn. Oder auch nicht...

ÖGB, 7. November 2001
Nr. 923

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Thomas Linzbauer

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