"Kleine Zeitung" Kommentar: "Aus dem Intrigantenstadel" (von Erwin Zankel)

Ausgabe vom 4.11.2001

Graz (OTS) - Griffiger und süffiger kann man eine Staatsoperette nicht inszenieren als die Tragikomödie, die sich derzeit am Wiener Ballhausplatz zwischen der Hofburg und dem Kanzleramt abspielt.

Da tritt die alternde Majestät auf, die vor Bedeutung und Wichtigkeit zu platzen droht und eigentlich schon auf einem Denkmal sitzen sollte. Bevor der Monarch zum Monument erstarrt, wird er von der Regentin auf Trab gehalten, die sich vom Bauernhof zur Hofdame hochgearbeitet hat und den Eindruck vermittelt, als sei sie die wahre Herrscherin.

Ihre Kreise werden jedoch vom kleinen Prinzen gegenüber gestört, der artig die Hand gibt, aber unter dem Tisch gegen die Schienbeine tritt. Er weiß eine Mitstreiterin an seiner Seite, die jeden Nadelstich mit doppelter Lust genießt, weil sie den Amtsinhaber in der Hofburg beerben will und die in ihrem Haus tätige Nebenbuhlerin ärgen kann.

Der Intrigantenstadel mit Thomas und Margot, Wolfgang und Benita in den Hauptrollen sowie Hofschranzen und Hofschreibern in den Nebenrollen degradiert Österreich tatsächlich zur internationalen Lachnummer. Jetzt könnte man mit dem Hinweis, dass es auch in anderen Ländern Misstöne in Königsfamilien oder Spannungen zwischen dem Präsidenten und der Regierung gibt, zur Tagesordnung übergehen. Bei uns scheint es allerdings nicht mehr möglich, den Riss zu kitten.

Es ist sogar zu befürchten, dass sich die Kluft noch weiter vergrößert und zu einer unüberbrückbaren Entfremdung der handelnden Personen und damit der obersten Staatsorgane führt. Thomas Klestil ist der erste Bundespräsident, dessen Basis während seiner Amtszeit schmäler anstatt breiter geworden ist.

Rudolf Kirchschläger, der bei seiner ersten Wahl nur knapp 52 Prozent erreichte, war am Ende seiner zwölfjährigen Präsidentschaft eine allseits respektierte Vaterfigur.

Klestil hingegen, der trotz vier Gegenkandidaten 1998 bei seiner Wiederwahl mehr als 63 Prozent erhielt, steht jetzt - wenn überhaupt - nur mit einer schwankenden Mehrheit da.

Den Popularitätsverlust, den seine zweite Frau noch beschleunigte, hat der Bundespräsident selbst verursacht. Sein eisiges Antlitz bei der Angelobung von Wolfgang Schüssel enthüllte, dass er diese Regierung nicht wollte, aber nicht verhindern konnte. Klestil vermied auch nach der Aufhebung der Sanktionen jede Geste der Versöhnung.

Deshalb wirken obskure Geheimpapiere, die aus dem Außenministerium stammen sollen, aber die Stimmung in der Präsidentschaftskanzlei wiedergeben, wie Feuer in den nicht vernarbten Wunden.

Anstatt allmählicher Normalisierung haben wir zunehmende Polarisierung: Der Bundespräsident, der über den Parteien stehen sollte, ist ins Kampfgetümmel verstrickt und muss mit dem Verdacht leben, die Fronten gewechselt zu haben.

Nach den Nationalratswahlen 2003 wird er bei der Regierungsbildung nur dann eine Rolle spielen, wenn es eine rotgrüne Mehrheit gibt. Sonst bleibt Klestil wieder der missmutige Staatsnotar, dessen Amtszeit erst 2004 endet. Dann freilich endgültig. ****

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