"Die Presse" Kommentar:"Aufhören" (von Andreas Schwarz)

Ausgabe vom 2.11.2001

Wien (OTS) Eine gute Komödie unterscheidet sich von einer durchschnittlichen,
wenn sie den Lacherfolg dann steigert, wenn es kaum noch für möglich gehalten wird. Wenn sie das zu vordergründig tut, wird aus der Komödie aber rasch ein platter Schwank, mitunter mit Zurufen aus dem Publikum - bis hin zu "Aufhören!"
Das Reise- und Eifersuchtsdramolett um die Regierungsspitze und das Präsidenten-Ehepaar hat dieses Stadium längst erreicht. Die wechselseitigen Vorwürfe über die nicht abgestimmten Auslandsreisen der Damen und Herren Schüssel, Ferrero-Waldner, Klestil und Klestil-Löffler waren wenig staatstragend, aber ganz unterhaltend; die Maßregelung des Bundeskanzlers durch die Präsidentengattin war die noch weniger staatstragende, aber unerwartet komödiantische Steigerung; aber spätestens das "Geheimpapier" aus dem Außenamt über die Außenpolitik des Bundeskanzlers und seiner Außenministerin mitsamt den Stellungnahmen aus dem Publikum macht das ganze zur Pawlatschen-Aufführung.
Es ist gewiß kein Zufall, daß das Papier am Vorabend der USA-Reise des Bundeskanzlers auftaucht, und zwar in einem Hofburg-verliebten Blatt, das den dortigen Pressesprecher überflüssig macht. Es ist dennoch hoffnungslos überzogen, das Staatsoberhaupt als Initiator des angeblichen Papiers zu vermuten. Aber allein daß solche Vermutungen, Beschuldigungen und stellvertretende Zurückweisungen stattfinden, zeigt das Niveau des Stücks. Und gibt Alfred Gusenbauer recht, der befürchtet, Österreichs Außenpolitik verkomme zur "Lachnummer" (wie man zu der beiträgt, weiß der SPÖ-Chef aus Sanktionen-Zeiten und von Israel-Reisen ja selbst am besten). Aufhören! Man wünscht sich ein Machtwort, aber wer soll es sprechen? Der Kanzler lächelt und schüttelt George W. Bush die Hand. Die Außenministerin tut, was sie gerne tut: sie reist. Der Präsidentengattin steht (auch) ein Machtwort nicht zu. Und der Bundespräsident hat längst die Autorität für Machtworte verloren, nicht nur, weil er auf der Besetzungsliste des Schwanks ganz oben steht und somit befangen ist. Womit bis zum finalen Vorhang noch quälend viel Zeit vergehen dürfte.

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