Die falschen "Arbeitgeberbeiträge" von Jens Tschebull

Kommentar WirtschaftsBlatt

Wien (OTS) - Sozialrechtliche Diskussionen in Deutschland
schwappen regelmässig nach Österreich über. Das ist kein Wunder, da sowohl das ursprüngliche System als auch die heutigen Probleme des Krankenkassen- und Pensionsversicherungsrechts ihre Wurzeln im Zweiten Reich Bismarcks bzw. im Dritten Reich Hitlers haben.

Derzeit wird in Deutschland der Vorschlag von Wirtschaftsminister Werner Müller diskutiert, die sogenannten "Arbeitgeberbeiträge" zu den Krankenkassen mit dem normalen Lohn auszuzahlen und es den Arbeitnehmern zu überlassen, an welche Krankenkasse sie zahlen. Das Reizvolle an dieser Idee ist, abgesehen von der erhofften Konkurrenz zwischen verschiedenen Kassen, dass sie mit dem Ammenmärchen der "Arbeitgeberbeiträge" zur Sozialversicherung Schluss macht. Die sogenannten "Arbeitgeberbeiträge" sind normale Lohnbestandteile, die am Arbeitnehmer vorbei, in die Sozialversicherung fliessen und die Kosten verschleiern.

Die "Arbeitgeberbeiträge" könnten genausogut als Bruttolohn auf dem Lohnzettel aufscheinen und dann als Sozialbeitrag abgezogen werden. Am Nettolohn würde sich dadurch nichts ändern, aber das System wäre etwas transparenter. Und ehrlicher: Die Arbeitnehmer würden erstmals schwarz auf weiss sehen, was sie die Sozialversicherung wirklich kostet; nämlich mehr als doppelt so viel wie bei der Lohnverrechnung ausgedruckt wird. Diese Verrechnungsart würde das Interesse der Versicherten an ihrer Versicherung erhöhen:
Was machen die mit dem vielen Geld? Was tun meine "Versicherungsvertreter" im Hauptverband eigentlich für mich? Mehr Beitragswahrheit könnte auch die Wachsamkeit gegen den Leistungsmissbrauch erhöhen: Der offensichtlich pumperlgesunde Kollege, der es zu Stande bringt, auf eine dreiwöchige Kur geschickt zu werden, ist auf einmal kein lustiger Kumpel mehr, der den Staat auszunützen weiss, sondern ein Dieb, der sich aus der gemeinsamen Sozialkasse bedient. Auf Basis solcher Überlegungen könnte dann eine sachliche Diskussion und vielleicht sogar eine sachliche Urabstimmung über Fragen des Beitrags- und Leistungsrechts stattfinden. Schon aus diesem Grund wäre es gar nicht schlecht, wenn die Diskussion über "Arbeitgeberbeiträge" aus Deutschland zu uns nach Österreich überschwappt. (JT)

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