Österreichische Ärztekammer: "Neuer ASchG-Entwurf gefährdet Gesundheitsvorsorge" Teil 2

Stressbedingte Krankheiten auf dem Vormarsch

Wien (OTS) - Welche Dimensionen das Problem der stressbedingten Erkrankungen mittlerweile angenommen hat, verdeutlichen Zahlen. So zählen in Europa Stress und Burnout zusammen mit Rücken- und Hals-Nacken-Schmerzen bereits zu den vier häufigsten Gesundheitsproblemen von Arbeitnehmern. Weltweit ist jeder fünfte Fall von Arbeitsunfähigkeit durch mentale Ursachen bedingt.

Durch Stress bedingte psychosomatische Erkrankungen sind in der österreichischen Statistik zwar noch nicht gesondert aufgeführt. "Wir können aber aufgrund der internationalen Erfahrungen davon ausgehen, dass wir es mit einer riesigen Grauzone von Fällen zu tun haben", erläutert Wechselberger.

Vor diesem Hintergrund warnt der Experte besonders vor einer Einschränkung der Betreuung durch Arbeitsmediziner in Bürobetrieben. Wechselberger: "Gerade hier haben wir eine Fülle von Problemen. Abgesehen von jenen Gesundheitsbeschwerden, die ein nicht-ergonomischer Bildschirm-Arbeitsplatz oder eine falsch eingestellte Klimaanlage erzeugen können, ist die Arbeit im Büro durch hohes Arbeitstempo und Termindruck gekennzeichnet. Aus Studien in Deutschland wissen wir, dass bereits jeder dritte Büroangestellte auf seine Arbeitspause verzichtet."

Gesundheitliche Probleme aufgrund von Bewegungsmangel oder Arbeit in geschlossenen Räumen hätten massiv zugenommen, ebenso wie Beschwerden durch die stressbedingte Burnoutproblematik, Mobbing oder psychomentale Probleme. Vom Erschöpfungssyndrom (Burnout) seien übrigens meist leistungsorientierte Mitarbeiter in Büro- und Behördenjobs oder Berufen mit sozialer Kompetenz betroffen - also Berufen mit meist geringer körperlicher Belastung.

Alles in allem ergebe sich aus den vorliegenden Zahlen ein Bedarf an mehr und nicht an weniger Arbeitsmedizin, folgert Wechselberger. Ein leichtfertiges Sparen an der Arbeitsmedizin werde sich letztlich als Bumerang für die Arbeitgeber erweisen. Durch vermehrte Krankenstände würden sich auch die Kosten für die Unternehmen wieder erhöhen.

Arbeitsmediziner als erste Ansprechpartner

Deutlich spricht sich Wechselberger gegen jenen Passus im Gesetzentwurf aus, wonach auf Wunsch der Arbeitgeber andere Experten wie beispielsweise Arbeitspsychologen für einen Teil der Präventionsaufgaben herangezogen werden können. Durch diese Zersplitterung der Kompetenzen seien teure Doppelgleisigkeiten und fachliche Fehlinterpretationen quasi vorprogrammiert, warnt Wechselberger. Außerdem gehe die vorgesehene Regelung, was die Arbeitspsychologen angehe, ins Leere, weil in Österreich keine ausreichende Anzahl von Kräften zur Verfügung stünden. "Es werden zu wenig Arbeitspsychologen ausgebildet", erläutert Wechselberger. "Davon abgesehen ist zu erwarten, dass sie in den Betrieben nur auf eine geringe Akzeptanz stoßen, weil sich die Mitarbeiter vor sozialer Stigmatisierung fürchten, wenn sie mit ihren gesundheitlichen Problemen zum Psychologen gehen."

Es sei zu befürchten, dass Arbeitgeber die ihnen laut geplantem Gesetz zugestandene Möglichkeit zur Besetzung von 25 Prozent der Präventionszeiten vor allem nach Kostenkriterien ausrichteten, warnt der ÖÄK-Experte. "Nicht wenige werden versucht sein, die Fachkraft zu bestellen, die am wenigsten kostet", mutmaßt Wechselberger. "Da der Arbeitgeber außerdem keine Kompetenz hat, gesundheitliche Entwicklungen einzuschätzen, muss die Koordinierung des restlichen Viertels der Präventionszeiten unbedingt dem Arbeitsmediziner obliegen. Er ist für diese Dinge ausgebildet und kann genau beurteilen, welche Fachkraft bei Bedarf hinzu gezogen werden muss. Das gilt besonders für psychologische Fragen. Nur der Arzt kann beim Auftreten einer psychischen Symptomatik entscheiden, ob diese ausschließlich seelische Ursachen hat oder nicht doch Ausdruck einer möglicherweise schwerwiegenden körperlichen Grunderkrankung ist."

Arbeitsmediziner fundiert ausgebildet

Mediziner erhalten unter anderem während ihres Studiums eine entsprechende arbeitspsychologische Ausbildung. Die Arbeitspsychologie ist auch postpromotionell - also in der praktischen Ausbildung - Bestandteil des arbeitsmedizinischen Lehrgangs sowie der Facharztausbildung zum Arbeitsmediziner. Mit einer Ausweitung der Ausbildungszeiten für angehende Arbeitsmediziner ist den steigenden Qualifikationsanforderungen insgesamt deutlich Rechnung getragen worden. Die Ausbildungszeit der Arbeitsmediziner beträgt statt früher vier Wochen mittlerweile zwölf Wochen.

Gesetzentwurf zurück nehmen

"Ich appelliere dringend an den Gesetzgeber diesen Gesetzentwurf zurück zunehmen, der eine eklatante Schlechterstellung der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer im Land bedeutet", appelliert ÖÄK-Präsident Pjeta abschließend. Und Wechselberger fasst zusammen:
"Wir haben erst im vergangenen Jahr erreicht, dass die Kleinstbetriebe arbeitsmedizinisch versorgt werden. Dies war der Beginn einer positiven Entwicklung. Nun soll der fahrende Zug der Arbeitsmedizin schon wieder gestoppt werden. Ich kann davor nur warnen: Wer bei der Arbeitsmedizin spart, spielt fahrlässig mit der Gesundheit von Millionen Beschäftigten. Bürokratisches Chaos und vermehrte Krankenstände in den Betrieben sind mit diesem neuen Gesetzentwurf programmiert." (Schluss)

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