"Die Presse" Kommentar: "Verwirrung und Vergessen" (von Anneliese Rohrer)

Ausgabe vom 31.10./1.11.

Noch gibt es kein einziges Bild vom Sarg eines gefallenen US-Soldaten - mit der Fahne bedeckt - auf einem Rollfeld in Amerika; noch gibt es hauptsächlich Bilder vom Flüchtlingselend in Afghanistan, aber die hätte es all die Jahre vorher auch schon geben können; noch gibt es kaum Bilder von zivilen Opfern dieses Krieges gegen den Terror, auch wenn die Taliban ihr grundsätzliches Bilderverbot zugunsten der psychologischen Kriegsführung beiseite schieben.
Und dennoch: Bereits in der vierten Woche nach den ersten Luftangriffen auf Afghanistan geht die Unterstützung in den USA mit jedem Tag, an dem sich kein sichtbarer Erfolg der Bombardements einstellt, zurück. In Großbritannien, dem einzigen Verbündeten der USA mit militärischer Teilnahme, ist dies in einem Ausmaß der Fall, welches Premier Tony Blair am Dienstag zu einem dramatischen Appell an die Entschlossenheit und den Durchhaltewillen seiner Landsleute veranlaßt hat.
Allein, Entschlossenheit wofür? Durchhalten bis wann? Wenn die Menschen in der einen oder anderen Stellungnahme hoher Militärs hören, daß in Afghanistan eigentlich schon alle wichtigen Ziele bombardiert worden seien; wenn sie hören, daß sich die Taliban in Wohngegenden verschanzt haben, um vor den Bomben sicher zu sein, dann fragen sie: Und was jetzt?
Nur nicht die Nerven verlieren, wie Blair seinen Landleuten riet, ist für Amerika kein Rezept: Die Nerven der Amerikaner liegen blank - jeder neuer Fall von Anthrax, jede neue Meldung, man habe den Vizepräsidenten wieder an einen geheimen, sicheren Ort gebracht, stärkt ihre Gewißheit: Dieser Krieg besteht nicht nur aus Bomben in einem fernen Land.
Sie wollen eine Antwort auf die Frage, was sie erwartet - in Zentralasien und zu Hause. Und sei es nur die, welche Blair am Dienstag seinen Landsleuten angeboten hat: Die Terroristen, die auf den Mangel an Entschlossenheit der westlichen Demokratien vertrauen, dürfen nicht recht behalten.
Deshalb gilt bei all der momentanen Verwirrung um die militärische Strategie dieses Krieges wohl nur ein Satz: Vergeßt den 11. September nicht!

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