Gratzers Konzept für die "Josefstadt" - Beil: Düstere Prognose für das Haus

Vorausmeldung zu NEWS 44/01 v. 31.10.2001

Wien (OTS) - Schauspielertheater wie das Max Reinhardts und einen "bewußten Schritt zurück" - das plant Hans Gratzer, neuer Favorit für die "Josefstadt"-Direktion. Die morgen erscheinende Ausgabe des Wochenmagazins NEWS bringt Gratzers bei den Subventionsgebern eingereichtes Konzept.

Das Konzept in Auszügen:

* Das Sprechtheater tritt zurzeit aus bekannten Gründen auf der Stelle. Wenn man nicht weiter weiß, sollte man anhalten, einen oder mehrere Schritte zurückgehen - und neu anfangen. Für das Theater in der Josefstadt wäre es eine sinnvolle Aufgabe, sich in den Dienst speziell des österreichischen Erbes zu stellen (...) Es gewinnt damit die ohnehin erforderliche Profilierung neben Burg- und Akademietheater sowie Volkstheater. Also die klare Behauptung, die "Josefstadt" als Herz des klassischen österreichischen Theaters, des traditionellen Wiener Volkstheaters, des Theaters der österreichischen Autoren spielt im Wesentlichen Raimund, Nestroy -Hofmannsthal, Schnitzler, Grillparzer - und Horváth, Wildgans, Bahr, Schönherr, Anzengruber, Bernhard und Jonke - Wiener Singspiel und im Sommer Operette.

* Ein festes Repertoire der wichtigsten Stücke und Aufführungen.

* Ein festes Ensemble wesentlicher Schauspieler und Spielleiter.

* Die Kammerspiele sollten weiterhin besten Boulevard bzw. aktuelle Broadway- und Londoner Erfolge spielen. Oder die literarisch-poetischen Komödien des zwanzigsten Jahrhunderts wiederentdecken.

* Ein Theaterbetrieb muss nicht alles können. Die Uraufführungen, die wichtigen Zeitstücke, die schnellen Sensationen kann man getrost den anderen Theatern überlassen. Allerdings sollte das "Schaufenster" junger österreichischer Autoren an einem geeigneten Ort fortgesetzt werden. Der bewusste Schritt zurück wird die "Josefstadt" stabilisieren, weiterbringen und ihr internationales Gewicht geben

Beil: "So hat das Haus keine Chance"

In einem ausführlichen NEWS-Interview begründet Hermann Beil seine Absage und entwirft dabei ein düsteres Bild der "Josefstadt"-Zukunft.

Beil beklagt, dass Direktor Lohner das Sanierungskonzept weit über seine Amtszeit hinaus unterzeichnet habe: "Das Haus ist vollkommen einzementiert. Das nimmt einem die Luft zum Atmen. Ich müsste Dinge tun, die das Gegenteil von allem sind, wofür ich stehe. Außerdem wurde ich unter enormen Zeitdruck gesetzt. Ich wurde erst vor einer Woche über den Zustand des Hauses informiert und sofort zur Entscheidung gedrängt."

Keine seiner Vorstellungen, so Beil in NEWS, wäre zu verwirklichen gewesen: "Die Spielplanstruktur müsste verändert werden, mindestens eine Abo-Gruppe gehört aufgelassen, weil der Spielplan ja keine Luft mehr hat. Dann sind diese Doppelvorstellungen am Samstag und Sonntag, die eine Vorstellungsdauer nicht über zweieinhalb Stunden erfordern. Ich wollte im ersten Jahr den "Faust" machen! Wie hätte ich den in zweieinhalb Stunden machen sollen?"

* Die strukturelle Radikalreform der Kammerspiele "mit zeitgenössischen Stücken und buntem, weltstädtischem Programm" habe man ihm untersagt, da das Theater als Cash-Cow festgeschrieben sei.

* Auch Geld für Abfertigungen stehe keines zur Verfügung. "Aber es bedarf einer Erneuerung des Ensembles. Wer sagt, da sei alles wunderbar, lügt sich ins Hemd."

Die "Josefstadt" habe unter all diesen Auflagen keine Chance, schließt Beil in NEWS: " Offenbar wird der Direktor unter dem Motto "Wasch mir den Pelz, aber mach mich um Himmels willen nicht nass" gesucht (...) Solange die Kasse stimmt, wird es weitergehen. Aber das wird sich irgendwann schleichend von selbst erledigen. (...) Wenn ich höre, dass Vorstellungen möglichst schnell aus dem Abo genommen wurden, weil sie angeeckt sind, dann steht das gegen alles, was ich vertrete. Wir haben am Burgtheater Vorstellungen wie "Metamorphosen des Ovid" oder manches von Jelinek auch gegen das Abonnement durchgezogen und damit das Publikum gewandelt und geöffnet. Jetzt ist alles zementiert und der Spielraum nicht mehr vorhanden. Auf dem Theater lastet ein völlig unproduktiver Druck."

Im übrigen deutet Beil an, sich von mancher Seite gemobbt zu fühlen: " Wenn man das Gefühl hat, dass man nur von Teilen gewollt ist, stimmt das schon bedenklich. Dieses Pochen auf das Sanierungskonzept war wohl auch eine Methode, mich zu verschrecken."

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