• 28.10.2001, 16:19:41
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"Die Presse"-Kommentar: "War die Suppe zu heiß?" (von Andreas Unterberger)

Ausgabe vom 29.10.2001

WIEN (OTS). Was plaudert der Bundespräsident des Abends so mit
seiner Frau? Österreichs Außenpolitik ist es nicht, wie uns Margot
Löffler-Klestil nun via Fernsehen mitgeteilt hat. Was aber sonst?
Geht's darum, ob die Suppe zu heiß ist und ein Hausschuh
unauffindbar? Witzen sind wieder einmal auf höchster Ebene alle Tore
geöffnet.
Wir aber wollen keinesfalls in Zweifel ziehen, was uns da mitgeteilt
worden ist, und nehmen zur Kenntnis: Trotz ihrer Ehe (und der in
aller Heimlichkeit abgelaufenen langen Verlobungszeit) nehmen Herr
und Frau Dr. Klestil die verfassungsrechtliche Trennung zwischen den
Staatsorganen so ernst, daß sie keine berufsbezogenen Informationen
austauschen, obwohl ihre Jobs sehr viel miteinander zu tun haben.
Hut ab vor dieser Diskretion. Sie hat nur ein kleines Problem: Sie
wird von den Österreichern nicht geglaubt. Und in der Politik hat
oft der Schein mehr Gewicht als das Sein (das hat etwa Klestils
Vorgänger Kurt Waldheim in ganz anderem Zusammenhang schmerzhaft
lernen müssen). Auch im Wiener Außenamt ist jedenfalls jeder
überzeugt, die Spionin im eigenen Haus zu haben. Und Bundeskanzler
wie Außenministerin glauben offenbar, das - persönlich wohl eher
unerquickliche - Problem der Information des Bundespräsidenten durch
den Aktenlauf über die Frau Gesandte Löffler erledigen zu können.
So lustig - bis tragisch - das Psychogramm der Beziehungen zwischen
Bundespräsident und Regierung auch sein mag, die Meinung der
Österreicher dazu ist klar: Alle Beteiligten sollten sich
zusammenreißen und halbwegs ordentlich kooperieren. Ebenso klar ist
ein Zweites, in rechtlicher wie politischer Hinsicht und auch
deshalb, weil es sich einfach gehört: Spätestens seit ihrer
Eheschließung hätte sich Margot Löffler-Klestil als Beamtin
karenzieren lassen müssen. Als äußerste Notlösung hätte sie
höchstens eine unpolitische Sachaufgabe suchen sollen.
Sie hätte dies auch dann tun müssen, wenn wegen der hohen
Alimentationszahlungen an Frau Klestil I. das Geld knapp zu werden
droht. Und auch wenn Wolfgang Schüssel wie Benita Ferrero-Waldner zu
feig waren, das Problem offen anzusprechen.

Rückfragehinweis: Die Presse

Chef v. Dienst
Tel.: (01) 514 14-445

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