Junge Industrie Wien: Österreich muß internationaler und risikofreudiger werden

Wien (OTS) - (BERICHTIGTE NEUFASSUNG OTS0026 vom 25. Oktober 2001- KORREKTUR im 9. Absatz)=

Utl.: Unter dem Motto "Vienna Valley - Pro Industriestandort Wien" tagten Experten aus Wirtschaft und Wissenschaft im Haus der Industrie=

Österreich braucht mehr Risikokapital, mehr
internationale Austauschprogramme und eine Entfrachtung der Lehrpläne zugunsten von Entrepreneurship im Unterricht. Dies sind die wichtigsten Ergebnisse der Zukunftstagung unter dem Motto "Vienna Valley - Pro Industriestandort Wien", zu dem die Junge Industrie Wien am Mittwoch eine namhafte Expertenrunde im Haus der Industrie versammelt hatte.

"Welche Rahmenbedingungen sind erforderlich, um die Erfolgsfaktoren eines Silicon Valley auf Wien und die Region zu übertragen", lautete die Eröffnungsfrage von Martin Ohneberg, Vorstandsmitglied der Jungen Industrie Wien. Darüber wurde in drei Expertenrunden mit zahlreichen interessierten Teilnehmern diskutiert. Die Themenpalette reichte von innovativen Finanzierungsformen zur Förderung von Start Ups über die Gewinnung von Human Capital bis hin zur Rolle der Universitäten im Wettbewerb der Städte.

Viele der gewonnenen Erkenntnisse beschränkten sich dabei nicht auf Wien, sondern erwiesen sich als maßgebend für ganz Österreich. Kjell Johansson, Generaldirektor der Ericsson Austria AG, befaßte sich in seinem Vortrag mit einen Standortvergleich Österreich und Schweden. Als einen großen Vorzug der schwedischen Rahmenbedingungen für Unternehmertum nannte Ericsson eine traditionell starke Ausrichtung auf den Export. "Wir sind seit 100 Jahren exportorientiert", nennt er als eine Begründung für den starken internationalen Auftritt schwedischer Marken und Unternehmen wie Ikea, H&M oder ABB. Österreichischen Gründern rät er, von Anfang an einen globalen Plan zu machen, "auch wenn man nicht gleich in 100 Länder exportiert."

Die radikale Abschaffung von Behinderungen und Benachteiligungen im österreichischen Steuersystem forderte Friedrich Rödler, Wirtschaftsprüfer und Steuerberater von PricewaterhouseCoopers. Seine Empfehlung: Die Senkung der Körperschaftssteuer von derzeit 34 % auf 25%, eine 100%ige Verlustverwertung im Gegensatz zur derzeit bestehenden Beschränkung auf 75% der Gesamtsumme sowie "die Beseitigung unzeitgemäßer Transaktionssteuern wie der KVSt (Z.B. Gesellschaftssteuer, Darlehenssteuer).

Weiters sprach sich Rödler für eine Gleichstellung von Eigen- und Fremdkapital bei der Abzugsfähigkeit der Zinsen aus. Beim derzeitigen Modell sei die Abzugsmöglichkeit fiktiver Eigenkapitalzinsen nur eingeschränkt und mit großem bürokratischen Aufwand gegeben.

Ein Modell zur Belebung des österreichischen Kapitalmarktes präsentierte Gernot Krämer vom Risikofinanzierer Global Equity Partners, der tags zuvor beim Wettbewerb der Leading Companies zum "Aufsteiger des Jahres" gekürt wurde: Krämer empfahl die Bildung eines öffentlichen Venture Capital-/Private Equity-Dachfonds. Damit habe die öffentliche Hand ein wirkungsvolles Instrument, um Investitionen privater Equity-Gesellschaften "nach den Gesetzen des Marktes" mitzufördern. "Es ist genügend Kapital in Österreich da, weil wir reich sind. Aber es gibt viel zu wenig Venture Capital", so die provokante These Krämers.

Mit den Menschen als wertvollste Ressource für die Standortentwicklung befasste sich die zweite Expertenrunde des Nachmittags unter der Leitung von Gerhard Oehling von der Jungen Industrie Wien. Eine "neue Treulosigkeit gegenüber den Arbeitgebern ortete dabei der Jugendforscher Manfred Zentner von Jugenkultur.at. "Die heutige Jugend will gleichzeitig Sicherheit und Freiheit, es ist ihr von vorneherein bewußt, daß sie an einem Arbeitsplatz nicht ewig bleiben kann."

Eine "Inländer Rausbewegung" forderte der Personalberater Othmar Hill von Hill International. "Wir haben keine Manageraustauschprogramme, keine Arbeiteraustauschprogramme und keine Beamtenaustauschprogramme", ortet Hill ein hohes Defizit im internationalen KnowHow-Transfer.

Auf die Überfrachtung der Lehrpläne wies ARTHUR SCHNEEBERGER vom IBW (Institut für Bildungsforschung der Wirtschaft) hin. Diese sei "ein großes Hindernis, wenn es es darum geht, den Kindern und Jugendlichen Unternehmergeist beizubringen", so Schneeberger. Die Beachtung von Entrepreneurship im Unterricht könne aber nur dann geschehen, wenn dafür Platz im Rahmen der Lehrpläne geschaffen würde.

Um den Wettbewerb der Städte und die Rolle der Universitäten ging es in der dritten Expertenrunde, die seitens der Jungen Industrie Wien von Vorstandsmitglied Christian Plas geleitet wurde. Otto Wolfbeis von der Universität Regensburg präsentierte das Erfolgsmodell des Biopark Regensburg, bei dem innerhalb der letzten sechs Jahre 36 Firmen neu gegründet und 233 Arbeitsplätze geschaffen wurden. Für Wien und Österreich forderte er "klare exekutive Strukturen". Der Universitätsprofessor weiter: "Wenn eine Entscheidung gefallen ist, dann muß es einen geben, der für die Umsetzung verantwortlich ist. Wenn sich heute Leute zusammenreden und morgen wieder ihre Meinung ändern, dann kann nichts weitergehen", ging Wolfbeis auch auf Softskills im Wettbewerb ein.

Mit der Rolle der Universitäten als Starthelfer, sogenannte Inkubatoren, befasste sich Otto Doblhoff-Dier vom Wiener Institut für Angewandte Mikrobiologie der Universität für Bodenkultur. Entscheidend nannte er die Förderung des Basic Research. "Ohne diese trocknet ein Standort innerhalb von 5-10 Jahren aus, der größte Fehler wäre es, nur in die angewandte Forschung zu investieren", so der Universitätsprofessor.

Erfolgreiche Cluster aus den Bereichen Auto, Diesel-Technologie, Kunststoff, Holz, Ökoenergie und Lebensmittel stellte Gerlinde Pöchhacker von der Oberösterreichischen Technologie- und Marketinggesellschaft vor. Über 1100 Unternehmen sind derzeit in diesen sechs Netzwerken organisiert. Das Förderungsprogramm, das aus Mitteln des Landes unterstützt wird, reicht von der Verstärkung regionaler Geschäftsbeziehungen bis hin zu einer Schärfung des Standortimages.

Eine Erhöhung der Selbständigenrate und ein "neues Unternehmertum für Österreich" forderte Veit Sorger, Vizepräsident der österreichischen Industriellenvereinigung und Vorsitzender der Frantschach AG, in seinem Abschlußstatement. "Die Situation hat sich in den vergangenen Jahren zwar verbessert, aber wir sind bei weitem noch nicht bei einem Klima angelangt, wie es etwa in Schweden vorherrscht", so der Industrielle.

Als Fazit aus der Tagung hat die Junge Industrie Wien einen Forderungskatalog erarbeitet, der in den nächsten Wochen vertieft und der Öffentlichkeit sowie den zuständigen politischen Gremien präsentiert werden soll. Sorger hat dafür seine volle Unterstützung zugesagt.

Ein Foto für die Redaktionen im IV-Newsroom abrufbar.

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