WirtschaftsBlatt-Kommentar Willkommen im Boot, ÖGB! von Engelbert Washietl

Wien (OTS) - Der Österreichische Gewerkschaftsbund und seine Spitzenvertreter haben ein schlechtes, um nicht zu sagen elendiges Jahr hinter sich. Aber die Geschichte geht weiter, und das neueste Kapitel lautet: Es gibt ihn immer noch, den ÖGB, und zwar auch als politischen Faktor.

Die Befragungsaktion bewies, dass ein grosser Teil der Mitglieder den Parolen der Funktionäre folgt, sofern nicht allzu viel Aufwand damit verbunden ist. Von einem solchen war ja im Zusammenhang mit der Umfrage wirklich keine Rede.

Was fängt der ÖGB mit der gebührenfreien Loyalitätsbekundung von 56 Prozent seiner Mitglieder an? Aus dem Ergebnis lässt sich weder inhaltlich noch mathematisch ableiten, dass Österreichs Arbeitnehmer eine Radikalisierung der Verhältnisse möchten. Sie wollen klare Verhältnisse in der Politik (über die unklaren Verhältnisse im ÖGB wurden sie nicht gefragt), sie sind an einer möglichst starken Interessenvertretung gegenüber einer Regierung interessiert, deren blaue Hälfte mit einer Arbeitnehmergewerkschaft offenbar überhaupt nichts anfangen kann.

Nichts Illegitimes ist also im Busch, der Flächenbrand, den ein Gewerkschafts-Schnäbler schon vor Monaten ausrufen wollte, kündigt sich auch für die Zukunft nicht an. Im Gegenteil: Just zum selben Zeitpunkt, da der ÖGB wieder ein bisschen von seiner einstigen Macht spürt, scheint die Modernisierung des Abfertigungssystems im Konsens zu gelingen. Abgesehen davon, dass die Wirtschaft ihren Obolus in die Reform einbringt, zeigt der Kompromiss doch, wie vorteilhaft sich konstruktiv gebrauchte Gewerkschaftsmacht auswirken kann.

Die meisten Unternehmer neigen zu der Ansicht, dass der ÖGB in Zukunft zwar ein harter, aber auch berechenbarer Partner bleiben werde, gewissermassen nach dem Motto: Willkommen im Boot!

Riskant wäre lediglich, wenn der Gewerkschaftsbund durch interne Machtspiele geschädigt würde. Da ist derzeit nämlich viel in Bewegung. Vielleicht ist es tatsächlich nur die notwendige Metamorphose einer grossen Institution. Steckt mehr dahinter, dann sollten die Machthungrigsten nachlesen, wie sich in den sechziger Jahren der grosse, vom ehrgeizigen Anführer der Bau- und Holzarbeitergewerkschaft Franz Olah ausgelöste Clash im ÖGB auswirkte: Sehr schlecht nämlich für die Gewerkschaftsbewegung, die SPÖ und Olah. (Schluss) was

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