Dilemma der Medien und der Demokratie nach dem 11. September

Commission on Radio and Television Policy untersucht Auswirkungen der Globalisierung auf Medien und Demokratie

Wien (OTS) - Die Berichterstattung der Medien über Terrorangriffe ist eines der Themen des zweitägigen internationalen Symposions "Global Media, Expanding Choices, Fragmenting Audiences: Dilemmas for Democracy", das am Freitag, dem 19., und Samstag, dem 20. Oktober 2001, im ORF-Zentrum Wien stattfindet. Veranstalter sind das Institut für den Donauraum und Mitteleuropa (IDM), The Commission on Radio and Television Policy der Duke University (North Carolina/USA) und der ORF, der bereits zum sechsten Mal als Koveranstalter und Gastgeber der internationalen Veranstaltung fungiert. An dem Symposion, das von der American-Austrian Foundation, der Stadt Wien, den Bundesministerien für auswärtige Angelegenheiten und für Bildung, Wissenschaft und Kultur sowie dem Kurier unterstützt wird, nehmen Journalisten, leitende Medienvertreter und politische Entscheidungsträger aus mehr als 20 europäischen Ländern und den Vereinigten Staaten teil.

Zum Auftakt der Veranstaltung fand am Freitag, dem 19. Oktober, im ORF-Zentrum ein Pressegespräch mit den beiden Vorsitzenden des Symposions - Vizekanzler a.D. Dr. Erhard Busek, IDM-Vorsitzender und Regierungsbeauftragter für die Erweiterung der Europäischen Union, und Ellen Mickiewicz, PhD, Professor an der Duke University in North Carolina - und folgenden Teilnehmern statt: Rainer Rosenberg, Leiter Produktionsgruppe Spezialprogramme des ORF; Ibrahim Gashi, Direktor des U.S. Student Advising Center und früherer News Editor des Kosova Information Center; Lisa Guernsey, Reporterin der New York Times; Saso Ordanoski, Editor in Chief des mazedonischen "Forum Magazine"; Eduard Sagalayev, Präsident der National Association of Broadcasters, Russland. Sie informierten über die Zielsetzungen des zweitägigen Symposions.

Busek: Symposion leistet wichtigen Beitrag zum Dialog

Erhard Busek würdigte in seinem Eröffnungsstatement die "Beispiel gebende Leistung" des ORF in seiner Radio- und TV-Berichterstattung zu Europa-Themen als "wichtigen Teil der Bewältigung der Aufgabe ,neues Europa'". Er verwies darauf, dass der 11. September die Wirklichkeit der Medien tiefgreifend verändert habe und dass dieses Symposion stets auch einen wichtigen Beitrag zum Dialog zwischen den USA und Europa geleistet habe.

Mickiewicz: Dilemmata der Medien

Ellen Mickiewicz ging nach einem Dank an den ORF für seine Unterstützung auf die vielfältigen Dilemmata ein, in die die Medien nach den Terroranschlägen in New York und Washington gestürzt worden seien. Es gelte, die Balance zwischen neutraler Berichterstattung und Patriotismus, zwischen Information des Publikums und der Berücksichtung des militärischen Sicherheitsbedürfnisses zu finden. Mickiewicz: "Nicht zuletzt sind auch die finanziellen Belastungen der Medien durch die umfassende internationale Berichterstattung, speziell in diesen wirtschaftlich schwierigen Zeiten, nicht zu unterschätzen."

Rosenberg: Umfangreiche Europa-Berichterstattung des ORF

Rainer Rosenberg wies auf die Tatsache hin, dass der ORF seine Europa-Berichterstattung in den vergangenen Jahren sowohl im Radio als im Fernsehen deutlich verstärkt habe - auch auf Mittelwelle und Kurzwelle - und mit seinen mehrsprachigen Programmen einen wichtigen Beitrag zur Informationsvielfalt in dieser europäischen Region leiste. Hinzu kämen diverse Off air-Veranstaltungen wie zuletzt die slowakisch-deutsche Literaturpräsentation.

Guernsey: Medien als Zielscheibe des Terrors

Lisa Guernsey unterstrich die besonderen Herausforderungen, denen sich US-Medien seit den Terroranschlägen vom 11. September gegenübersehen. Im Hinblick auf die Anthrax-Bedrohung sagte sie:
"Wohl niemand hätte geglaubt, dass die Medien selbst Zielscheibe des Terrors werden würden, da sie von den Terroristen ja zur Verbreitung ihrer Botschaften benutzt wurden." Dass nun Zeitungen und Fernsehsender selbst betroffen seien, stelle eine völlig neue Situation dar, deren Tragweite derzeit noch nicht absehbar sei und die die Berichterstattung fast zwangsläufig beeinflussen müsse.

Sagalayev: Gute Lektion für russische Journalisten

Als eine "Tragödie für die gesamte Staatengemeinschaft" wertete Eduard Sagalayev die Ereignisse in den USA. Die Berichterstattung der US-Medien habe russischen Journalisten "eine gute Lektion erteilt, und zwar sowohl in professioneller Hinsicht als auch vom moralischen Standpunkt aus". Denn während die US-Journalisten großenteils sehr sensibel mit den schockierenden Bildern aus New York umgegangen seien, sei es für ihre russischen Kollegen bisher schon zur Gewohnheit geworden, "zu zeigen, wie jemandem in Tschetschenien der Kopf abgeschnitten wird".

Gashi: Situation im Kosovo wird besser

Ein positives Bild von der Entwicklung in seiner Heimat Kosovo zeichnete Ibrahim Gashi. "Die Situation ist - auch für ethnische Minderheiten - viel besser als noch vor einem Jahr." Viele zuvor vertriebene Serben seien in ihre Dörfer zurückgekehrt, und die während des Krieges verursachten Schäden seien zu 90 Prozent beseitigt. Auch der Aufbau einer funktionierenden Demokratie gehe voran: "Es ist ein langsamer Prozess, aber im kommenden Monat gibt es erstmals freie Wahlen zum nationalen Parlament."

Ordanoski: Anhaltende Korruption

Weniger optimistisch betrachtet Saso Ordanoski die Situation in Mazedonien. Zwar glaubt er, dass der unmittelbare ethnische Konflikt lösbar sei, doch die Korruption in Politik und Staat werde nicht aufhören. Auch der Einfluss der Medien sei diesbezüglich limitiert:
"Wir haben eine große Medienvielfalt in Mazedonien, und immer wieder wird über korrupte Politiker berichtet. Doch es interessiert offenbar niemanden. Es geht alles weiter wie gehabt."

Medien stehen vor dem Paradoxon der Globalisierung

Neben der Diskussion über die Terror-Berichterstattung steht bei der diesjährigen Sitzung auch eines der Paradoxa der Globalisierung auf der Tagesordnung - die zunehmende Vielfalt des über Radio, Fernsehen und Internet zugänglichen Medienangebots, die einerseits ein Eingehen auf Publikumspräferenzen ermöglicht, andererseits aber auch die Gefahr einer Zersplitterung mit sich bringt. Auch die Geschwindigkeit der über das Internet verbreiteten Informationen stellt ein Problem dar, da dadurch die Möglichkeiten zur Überprüfung und Erklärung der übermittelten Nachrichten deutlich reduziert werden.

Die Teilnehmer des Symposions werden sich im besonderen mit der Art und Weise beschäftigen, wie Journalisten diese neuen Medien, vor allem das Internet, einsetzen, um mit der breiten Öffentlichkeit ebenso wie mit kleinen Zielgruppen zu kommunizieren. Weitere Themen betreffen Maßnahmen zur Stärkung des Vertrauens der Öffentlichkeit in die journalistische Arbeit und das Problem der Wahrung der journalistischen Unabhängigkeit angesichts des Drucks, der von staatlicher Seite aber auch von seiten des Marktes ausgeübt wird. Auch kritische Fragen der Berichterstattung in Ländern wie Albanien, Georgien, Russland und Serbien sollen angesprochen werden.

The Commission on Radio and Television Policy wurde im Jahr 1990 vom ehemaligen amerikanischen Präsidenten Jimmy Carter zur Förderung der freien Medien in demokratischen Gesellschaften ins Leben gerufen. Die Kommission, die sich in den ersten Jahren hauptsächlich mit medienpolitischen Fragen der Vereinigten Staaten und der Länder Ost-und Westeuropas beschäftigte, hat den geographischen Bereich ihrer Tätigkeit mittlerweile auf die neuen Staaten Mittel- und Osteuropas ausgedehnt.

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