DER STANDARD-Interview: "Bombardements noch zwei Wochen fortsetzen" - Interview mit Boris Gromow - Erscheinungstag 18.10.2001

Wien (OTS) - Boris Gromow war der letzte Befehlshaber der sowjetischen Armee in Afghanistan vor dem Abzug im Jahr 1989. Der fast zehnjährige Einsatz kostete 15.000 russische Soldaten das Leben. Mit dem heutigen Gouverneur der Moskauer Region sprach Barbara Oertel*.

Können die Luftschläge der Amerikaner in Afghanistan überhaupt zum Erfolg führen?

Gromow: Luftschläge können sehr effektiv sein, vor allem, wenn sie so massiv sind wie jetzt die amerikanischen. Die Wahrscheinlichkeit, dass wirklich Bin Laden getroffen wird, ist sehr gering. Dafür braucht man Aufklärung und Spezialeinheiten. Um diese Einheiten aber abzusetzen, muss man erst die Grundlage schaffen, das heißt, das Land aus der Luft bearbeiten.

Nach mehr als einer Woche Angriffe scheint die Luftabwehr der Taliban immer noch intakt zu sein. Haben die Amerikaner das unterschätzt?

Gromow: Die Amerikaner waren gut informiert und haben die Lage richtig eingeschätzt. Und das auch mithilfe von Unterlagen, die wir ihnen zur Verfügung gestellt haben. Die Taliban haben zwar keine starken Luftabwehrsysteme, aber mobile Abwehrsysteme, und das ist bereits eine Bedrohung. An der Stelle der USA würde ich die Bombardements noch zwei Wochen lang fortsetzen. Denn nach jeder Attacke treten neue Ziele auf. Wenn die Taliban ein Flugzeug ausmachen, antworten sie darauf, und so sehen die Amerikaner, wo die neuen Ziele sind.

Wäre der Einsatz von Bodentruppen eine richtige Strategie?

Gromow: Nein, es ist zu kompliziert, große Kontingente von Bodentruppen dort hineinzuführen, sie zu versorgen, die Kommunikationswege aufrechtzuerhalten. Auch die Truppen wieder herauszuführen ist schwierig. 1989 habe ich da 140.000 Mann rausgebracht, ich weiß, was das heißt. Außerdem kostet das alles viel Zeit. Hier aber muss man schnell vorgehen, um die Vernichtung Bin Ladens und seines Netzwerkes zu erreichen. Dies kann nur durch Luftangriffe und den Einsatz von Spezialeinheiten, die aus der Luft abgesetzt werden, geschehen.

Schon wird über einen möglichen Nato-Beitritt Russlands laut nachgedacht. Für wie stabil halten Sie die Antiterrorallianz? Ich halte die Allianz für stabil. Diejenigen, die in solchem Ausmaß Terror betreiben und diesen barbarischen Akt am 11. September begangen haben, das ist etwas, woran wir uns noch lange die Zähne ausbeißen werden. Das kann sich wieder beruhigen, diese Gruppierungen können auch einige Monate untertauchen, aber das heißt nicht, dass sie nicht wieder aktiv werden. Daher muss diese Allianz stark und langlebig sein.

Was passiert mit der Allianz, sollten die Amerikaner ihre Angriffsziele ausweiten, zum Beispiel den Irak angreifen?

Gromow: Sollte das der Fall sein, würde das nur im Rahmen einer internationalen Abstimmung erfolgen, das heißt auch mit Russland.

Ist jetzt ein stärkeres Engagement Russlands in Tschetschenien zu erwarten?

Gromow: Das ist nicht zwangsläufig. Die derzeitige Taktik ist ja gerade, dass man keine militärischen Aktionen im großen Maßstab durchführt. Die neue Strategie, eine konzentrierte Vernichtung der Kämpfer herbeizuführen, war eine richtige Entscheidung.

Wurden Sie jetzt von den USA kontaktiert?

Gromow: Den ersten Anruf aus Washington habe ich drei Tage nach den Anschlägen bekommen, über die Inhalte möchte ich nichts sagen. Nur so viel: Wir stehen ständig in Kontakt.

Barbara Oertel ist Redakteurin der Berliner "tageszeitung".

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