DER STANDARD-Kommentar: "Angst vor Anthrax ist überzogen: Keine Hinweise auf folgenschweren Biowaffenanschlag - Vorbeugung kommt spät" (von Andreas Feiertag)

Erscheinungstag 17.10.2001

Wien (OTS) - Die weltweit grassierende Angst vor Terroranschlägen mit biologischen oder chemischen Waffen ist durchaus verständlich -wenngleich sie viel zu spät kommt und angesichts der derzeitigen Faktenlage wohl auch überzogen ist.

Dass es sich bei den Milzbrandfällen in den USA um Anschläge handelt, ist sicher. Doch wenn auch die zeitliche Nähe zu den Attentaten von New York und Washington den Verdacht aufzwingt, dass Osama Bin Ladens Terroristen die Anthraxerreger ausstreuten, spricht vieles dagegen.

Die Anschläge vom 11. September haben eines deutlich gezeigt: Die Terroristen suchen sich symbolische Ziele bei großer öffentlicher Breitenwirkung aus. Drei Flugzeuge krachten ins World Trade Center und ins Pentagon, jenes, das bei Pittsburgh abstürzte, hätte angeblich ins Weiße Haus fliegen sollen. Hinter den Zielen stand System, die Anschläge galten der Wirtschaft, der Sicherheit und der Politik. Wieso also sollten diese Terroristen Anthraxsporen an einen Verlag in Florida schicken, der billige Boulevardblättchen produziert?

Die hochinfektiösen Postsendungen an einen Starmoderator von NBC in New York und einen hochrangigen Politiker würden da schon eher in das Bild dieser kranken Logik passen. Und erinnern von daher auch an den österreichischen Briefbomber Franz Fuchs. Allerdings - warum sollten diese am vergleichsweise harmlosen Hautmilzbrand erkranken, während sich Mitarbeiter des Boulevardblattes den äußerst lebensbedrohlichen Lungenmilzbrand zugezogen haben? Ein anderes Faktum: Es sind mindestens zwei verschiedene Anthraxstämme unterwegs, die nicht aus derselben Quelle stammen dürften.

Hinzu kommt, dass es sich im Vergleich mit den Dimensionen der Attentate von New York und Washington bei den Milzbrandfällen um absolute Minianschläge mit relativ geringen Auswirkungen handelt -bisher ist, schlimm genug, ein Mensch an Anthrax gestorben, dreizehn sind infiziert. Als effiziente Biowaffe eingesetzt, könnten die Milzbranderreger jedoch zu Tausenden Erkrankungen und Hunderten Todesfällen führen. Dazu müsste man ihre Sporen jedoch als Aerosol in der Luft freisetzen. Angesichts der völlig neuen Qualität des Terrors, die die Weltöffentlichkeit am 11. September schockte, ist der derzeitige Postversand der Erreger beinahe stümperhaft.

Insofern erscheint auch die herrschende Panik in den USA und anderen Staaten, die von kranken Trittbrettfahrern schamlos ausgenutzt wird, um sich an der Angst anderer zu weiden, etwas überzogen. Trotz unmissverständlicher Drohungen Osama Bin Ladens, dass es zu weiteren Terrorattacken gegen die USA kommen werde, deutet nichts darauf hin, dass es zu einem wirklich folgenschweren Anschlag mit Biowaffen kommen wird, von dem große Teile der Bevölkerung betroffen wären. Hätte der Terrorist derartige Waffen, hätten sich seine Anhänger nicht mit fliegenden Bomben ins ersehnte Paradiesgärtchen sprengen und dabei Tausende Menschen mit in den Tod nehmen müssen. Vorsicht ist geboten, Panik und Hysterie scheinen jedoch nicht angebracht.

Die Angst vor Biowaffen und die daraus resultierenden Bemühungen unzähliger Staaten, entsprechende Schutzmaßnahmen zu treffen, haben auch ein Gutes: Es herrscht endlich Gewissheit, dass biologische Kampfstoffe keine abstrakte Gefahr darstellen. Allein - diese Erkenntnis kommt sehr spät.

Die Japaner infizierten mit Pesterreger-verseuchten Fliegern bereits 1942 in der Mandschurei ihre chinesischen Gegner. In Russland starben 1979 nahe Jekaterinburg 68 Mitarbeiter eines Biowaffenlabors, nachdem Anthrax durch einen Unfall freigesetzt worden war. Und auch bei der japanischen Aum-Sekte, die im Jahre 1995 mit einem Giftanschlag in der U-Bahn in Tokio zwölf Menschen getötet und Tausende verletzt hat, fand man Botulismus- und Milzbranderreger. Seit damals hätte man genügend Impfstoff herstellen können, das hat man aber versäumt.

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