WirtschaftsBlatt-Kommentar: Die Mär vom freien Markt (von Wolfgang Unterhuber)

Ausgabe vom 17.10.2001

Wien (OTS) - Zwischen Theorie und Praxis klafft mitunter ein
grosser Unterschied. In der Theorie leben wir in der freien Marktwirtschaft. Wer also viel leistet, soll alle Freiheiten des Kapitalismus geniessen können und belohnt werden. Wer wartet, bis ihm die Weintrauben von selbst in den Mund fallen, über den fährt der Zug drüber.

In der Praxis ist die Theorie aber ein Hund, wie es der Kabarettist Ernst Waldbrunn einmal formulierte. Und tatsächlich:
Diejenigen, die etwas zu Stande bringen, werden bestraft oder zumindest mit Strafe bedroht. Da wäre zum Beispiel ein Bill Gates. Weil er etwas geleistet hat, hat er eine Marktdominanz errungen, wie es im Neusprech so schön heisst. Einigen EU-Apparatschiks passt das aber nicht. Für sie ist Gates ein Monopolist, eine Art privatwirtschaftlicher Kommunist also. Ergebnis: Die EU wird sich Gates jetzt vorknöpfen. Andererseits geht man mit tatsächlichen Monopolisten schmeichelweich um. Frankreich wehrt sich seit Jahren erfolgreich gegen die Liberalisierung am Energiemarkt. Die Electricité de France hat da alles unter Kontrolle. Das soll auch so bleiben. Vielleicht liegt das daran, dass der Multi in Staatsbesitz und Frankreich eben Frankreich ist und die EU sich da nicht so traut.

Wie überhaupt der Staat ein tolles Comeback feiert und eifrig die Unternehmen belohnt, die in der Vergangenheit nur herumgewurstelt haben. Dass es sich dabei um Konzerne handelt, die zum Teil unter Staatseinfluss stehen oder standen, ist sicher nur ein dummer Zufall. So hält die Schweiz - laut Eigenverständnis das Aushängeschild der freien Marktwirtschaft in Europa - bekanntlich die todkranke Fluglinie Swissair mit Milliarden-Infusionen künstlich am Leben.

Wie das alles zusammenpasst, kann niemand sagen. Aber es ist halt der Zeitgeist und populär. Es kommt gut an, wenn sich ein Politiker -offiziell natürlich ein Anhänger des freien Marktes - hinstellt und sagt, dass er alles tun werde, um gefährdete Arbeitsplätze zu schützen. Unternehmen, die gerade in Zeiten wie diesen erfolgreich wirtschaften, haben das Gefühl, für dumm verkauft zu werden. Vielleicht sollten sie ihre Strategie überdenken. Es wäre doch eventuell viel klüger, den Karren in den Sumpf zu fahren, dann laut zu jammern und schliesslich den Staat um Geld anzupumpen. (Schluss) wu

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