DER STANDARD-Kommentar: "Stoiber als einzige Chance: Angela Merkel soll im Interesse der CDU auf die Kanzlerkandidatur verzichten" (von Alexandra Föderl-Schmid) - Erscheinungstag 16.10.2001

Wien (OTS) - Bei den deutschen Unionsparteien CDU und CSU heißt eine derzeit beliebte Praxis im internen Jargon "Merkel-Mobbing". Angela Merkel, jene Vorsitzende der CDU, die vor eineinhalb Jahren als Hoffnungsträgerin ins Amt gewählt worden ist, hat es derzeit wahrlich nicht leicht: Jene Parteifreunde, die sie zum Verzicht auf die Kanzlerkandidatur bewegen wollen, agieren zum Großteil verdeckt. Sie zweifeln in Hintergrundgesprächen ihre Führungsqualitäten an, verweisen darauf, dass sie derzeit keine Regierungsfunktion innehat und in der Partei keine Erneuerung geschafft hat.

Diese Argumente haben etwas für sich: Merkel, die vor ihrer Kür als liberal denkende, unkonventionelle Frau galt, hat die in sie gesetzten Erwartungen nur unzureichend erfüllt. Aber so eine Demontage hat sie auch nicht verdient, zumal die Motive ihrer Kritiker durchsichtig sind.

Bei den Bundestagsabgeordneten, die sich aus dem Hinterhalt wagten, handelt es sich durchwegs um so genannte Hinterbänkler, deren Patronanz Altkanzler Helmut Kohl übernommen hat. Sie agieren wohl weiterhin im Namen des Herrn, der die Geschicke der CDU mehr als ein Vierteljahrhundert geprägt hat. Kohl hat Merkel nicht vergessen, dass sie ihn als Erste aus der Garde der Spitzenpolitiker kritisiert hat, als der Spendenskandal ruchbar wurde. Es ist zu vermuten, dass Kohl nun bei dem Versuch, Merkel zu demontieren, die Fäden zieht.

Die hochrangigen Politiker der CDU auf Bundesebene halten sich einstweilen bedeckt und warten ab. Das ist auch nicht gerade ein Beitrag zur Stärkung der Vorsitzenden. Unterstützung bekommt sie vorerst nur aus den Bundesländern. Wenn es darauf ankommt, wird ihr das aber nicht viel nützen, da die Meinungsbildung in Berlin erfolgt. Seit Wochen wird ventiliert, dass eine Abstimmung in der Fraktion die Entscheidung bringen sollte. Vor allem die Strategen der CSU befürworten diese Lösung - wohl wissend, dass Bayerns Ministerpräsident Edmund Stoiber in diesem Gremium derzeit die Mehrheit sicher wäre.

Der CSU-Chef hat in den vergangenen Monaten auch vorgesorgt: Er war häufig in der deutschen Hauptstadt, besuchte einzelne Abgeordnete und richtete ein Verbindungsbüro für den Wahlkampf ein, obwohl es eine gut funktionierende bayerische Landesvertretung in Berlin gibt. Stoiber, der gerade seinen 60. Geburtstag gefeiert hat, weiß, dass die Bundestagswahl in elf Monaten seine letzte Chance für einen möglichen großen Durchbruch auf Bundesebene ist.

Hochrangige Fädenzieher bereiten für ihn bereits das Feld. Ihre Argumentation: Es sei ein Stück weit ein Opfergang, zu dem sich Stoiber angesichts der maroden Lage der CDU bereit erklären müsse. Und: Man müsse abwägen, ob es ihm nicht mehr schade, wenn er nicht antrete und sich damit quasi aus der Verantwortung stehle.

Das stärkste Argument für Stoiber ist jedoch, dass er zumindest eine realistische Chance hat, den Amtsinhaber Gerhard Schröder herauszufordern. Ihm wird Wirtschaftskompetenz attestiert, er steht in Regierungsverantwortung und hat sich auf dem Feld der inneren Sicherheit profiliert, die eines der zentralen Themen der Wahlauseinandersetzung werden dürfte. Dass der asketisch wirkende Bayer auch nördlich der Main-Linie auf Akzeptanz stoßen wird, ist angesicht der Alternative - Frau aus dem Osten - und der derzeitigen Debatte zu erwarten.

Stoiber hat auch nicht viel zu verlieren: Trotz einer Niederlage auf Bundesebene könnte er in Bayern weiterhin amtieren. Für die CDU wäre eine Wahlschlappe ihrer Vorsitzenden viel schlimmer: Sie würde noch stärker in die Malaise schlittern. Merkel müsste den Vorsitz dann ohnehin aufgeben.

Merkel bleibt keine andere Wahl: Sie soll die Kanzlerkandidatur 2002 aufgeben - je früher, desto besser. Denn je länger die Kandidatenfrage offen bleibt, desto größer ist die Gefahr, dass die CDU in eine offene Führungskrise gerät.

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