"Die Presse"-Kommentar: "Angst vor der Angst?" (von Hans Haider)

Ausgabe vom 16.10.2001

WIEN (OTS). Ich hab Angst, du hast Angst, er hat Angst, sie hat Angst; Müllers Esel, Müllers Kuh - und draus bist du; o du lieber Augustin, alles ist hin. Hoppla, wir leben noch!
Eine gräulich-dumpfe Welle schwappt seit Tagen aus Amerika nach Europa über. Sporenangst, Milzbrandangst, Briefangst jetzt noch dazu zur Flugangst! Der Zeitungs-Boulevard macht sein Geschäft mit der Angst und titelte schon sanktnimmerleinstagsnahe.
Der Brief, dieses von Fax und e-Mail Richtung Bedeutungslosigkeit abgedrängte Vehikel individueller Kommunikation, gewann urplötzlich die Aura des Geheimnisvollen, der Gefahr. Schon haben einige Blödiane absichtlich ihre Mitmenschen mit Pülverchen und Briefumschlägen erschreckt. Schon gebiert die Angst Gespenster: Am Wochenende löste am Flughafen Schwechat ein Packerl Kindernahrungspulver Alarm aus.
Wer Angst hat, und noch mehr: Wer Angst zeigt, tappt in die Falle der Angstmacher, darunter auch Meuchelmöder. Er verstärkt den Effekt der gewiß tragischen, aber doch statistisch vernachlässigbaren Ursache. Er anerkennt Spielregeln, die nicht die seinen - sondern unfair und feige sind. Doch was hilft gegen die Angst vor mit den menschlichen Sinnen nicht erfaßbaren Winzigkeiten namens Bacillus anthracis? Sage ich: Sie sind nicht da - sagt ein anderer mit dem selben Recht auf Glaubwürdigkeit: Sie sind da!
Sie sind da in diesem und jenem staatlich-militärischen Arsenal oder Labor: Zu gerne hat der zivile Mensch dieses Wissen verdrängt, hat diese Mikrobomben bei den Fachleuten abgelegt gewußt, diesen Bioschrott aus dem Kalten Krieg, der nach und nach entsorgt wird. Wer einen Stoff hütet, der tausend Jahre lang gefährlich ist, braucht dazu ein Tausendjähriges Reich. Mit diesem Schreckensbild warnte der Schweizer Dichter Peter Bichsel während der Kernkraftdebatten vor dem Polizeistaat - und vor dem Ende der "offenen Gesellschaft", der schon Plato seine Ideen vom Wächterstaat entgegenformuliert hat. Neue Wächterbrigaden formieren sich allerorten, nicht nur auf Flughäfen. Aber vor den klitzekleinen Bazillen muß jeder Polizeiapparat versagen. Sie verseuchen schon Millionen mal mehr Köpfe als Lungen.
Dem intellektuellen Stand ist die Paranoia so wohlvertraut wie die dagegen mobilisierbaren Gegenmittel. Wenn sie Kierkegaard, Kafka lesen, fliehen Verängstigte in jene Selbststilisierung, die ihren Angstschmerz aufhebt in der Selbstbeachtung.
Bemitleidenswerter sind alle Hochbetagten, die schon bisher den Verlust der Pension durch Staatsbankrott, die die Atomstrahlung, die Luftvergiftung durch Flugzeuge (Kondensstreifen!) fürchten. Ihnen erweisen Medien, wenn sie Ängste schüren, einen Bärendienst.
Soll man deshalb von den neuesten Brunnenvergiftern nicht warnen? Man muß es _ aber mit gebotener Gelassenheit, mit Realitätssinn, Augenmaß. Sonst macht man selber Lebensqualität kaputt _ also just jene Frucht westlich-demokratischer Lebensart, der ein "heiliger" Krieg erklärt wurde.
Christian Morgenstern, der hohnvolle Realist, hat in einem Gedicht ein weggeworfenes Butterbrotpapier beschrieben, das sich in seiner Angst, im Winterwald zu erfrieren, zu Vernunft und Leben aufschwang:
"aus Angst, so sagte ich, fing an / zu denken, fing, hob an, begann // zu denken, denkt euch, was das heißt, / bekam (aus Angst, so sagt ich) _ Geist". Das Butterbrotpapier wiegte sich bald in den Lüften wie ein Schmetterling. Dann kam ein Vogel und fraß es auf.
Kalkül, Geist aus Angst genährt, macht für das Unheil erst recht anfällig, lehrte uns Morgenstern. Ein Hausmittel gegen die Angst ist die Zeit: Das Rindfleisch schmeckt uns doch schon wieder ganz gut.

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