"Die Presse" Kommentar: "Prognosen und Probleme" (von Michael Prüller)

Ausgabe vom 15.10.2001

Wien (OTS) Würde das Wetter davon abhängen, wie die Menschen auf den Wetterbericht reagieren - etwa indem trotz schlechter Vorhersage die Sonne durchkommt, wenn nur genug Leute an den Strand fahren -, dann wäre die Meteorologie genauso hilflos mit ihren Prognosen wie die Konjunkturforschung. Die tut sich aber nicht nur deshalb so schwer, sondern auch, weil sie nicht über ähnlich gesicherte, exakte Erkenntnisse verfügt wie die Kollegen aus der Naturwissenschaft. Außerdem gibt es - anders als in der Erdatmosphäre (den hl. Petrus einmal weggelassen) - in der Volkswirtschaft einen über allem stehenden Mitspieler, dessen Verhalten besonders schwer vorherzusagen ist: den Staat.
Etwas aber ist beiden gemein: In guten Zeiten hört man nur mit halbem Ohr hin, weil Sonnenschein ohnehin für Optimismus sorgt. Wenn aber der Regen nicht aufhört, dann wird auf jedes noch so kleine Indiz gewartet, und man klebt an Radio und Fernsehgerät, um aus berufenem Mund die Zukunft zu erfahren. Fast ist es, als wollte man durch rituelles Lauschen ein Hoch herbeizwingen. Und wenn nicht, dann ermöglicht wenigstens eine zünftige Sturmwarnung wollüstig-sensationsgeiles Selbstmitleid: "Ein Wahnsinn, was da auf uns zukommt!"
Genau das tut derzeit die ganze Welt: Die Augen kleben an Indizes, BIP-Prognosen, Zinsschrauben. Was sagen O'Neill, Duisenberg, Kramer und Felderer? Und was die Märkte?
Kein Wunder: Europa, USA und Japan erleben erstmals seit 1973 einen gleichzeitigen Abschwung, der Terroranschlag hat mit seinem Dämpfer für Luftfahrt, Tourismus und Konsum das Tempo noch beschleunigt. In den Entwicklungsländern geht damit vielfach das Pro-Kopf-Wirtschaftswachstum deutlich zurück, die Armut nimmt wieder zu.
Es gibt aber auch Anzeichen, daß die Überinvestitionen im US-Internet-Sektor und in der europäischen Telekom-Branche, die den rasanten Abschwung ausgelöst haben, langsam abgearbeitet sein dürften. Die Aktienkurse (ein Frühindikator für kommende Konjunkturbewegungen) gehen auch wieder nach oben und haben schon wieder ihr Niveau von vor dem 11. September erreicht. Das ist freilich noch kein Beweis dafür, daß es auch wirklich bis zur Jahresmitte 2002 die vielfach prognostizierte Trendwende nach oben geben wird. Aber es wäre vielleicht doch ein Grund für die Regierungen, jetzt nicht nervös zu werden.
Denn es ist wahrscheinlicher, daß tatsächlich Sankt Peter für segensreiches Wetter sorgt, als daß der Staat die Konjunktur nachhaltig in Gang bringt. Vorgezogene Infrastrukturinvestitionen werden dank schwerfälliger Bürokratie erst in Jahren wirksam. Arbeitsbeschaffungsprogramme oder mehr Subventionen bringen schnell verpuffenden Erfolg und eine langfristige Schwächung der Produktivkräfte. Und Steuersenkungen wirken nur, wenn sie vorwiegend für mehr Investitionen sorgen und in Ländern ohne Budgetüberschuß mit einer entsprechenden Kürzung der Staatsausgaben einhergehen -derzeit nicht gerade populär.
Bei aller gebotenen Vorsicht vor Prognosen: Das Tief ist wahrscheinlich überwunden, lange bevor staatliche Hilfsmaßnahmen zu wirken beginnen. Auch die wirkliche Rezessions-Gefahr - eine Abwärtsspirale der Mutlosigkeit - kann nicht durch Verstaatlichungen oder durch gebanntes Starren auf die Anzeigetafeln der Weltkonjunktur gestoppt werden, sondern nur durch neue Chancen für unternehmerischen Geist. Wenn die Wirtschaft diese nicht aus ihrer eigenen Substanz bietet, dann kann allerdings sogar der Staat hilfreich sein - kann deregulieren, Starthilfen bieten, Bürokratie abbauen.
Dann würden wir aus der Krise gestärkt hervorgehen - und nicht auf Jahrzehnte mit neuen Schulden und ineffizienteren Märkten belastet.

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