"Tiroler Tageszeitung" Kommentar: "Schluss mit lustig ..." (Von Peter Plaikner)

Ausgabe vom 13. 10. 2001

Innsbruck (OTS) - Der reformatorische Eifer zur nationalen Zukunftstauglichkeit ist verpufft. Seit es um mehr geht als den Wechsel von der geschützten Werkstatt zum offenen Wettbewerb, herrscht Rezeptlosigkeit. Regierung und Opposition sind dem plötzlichen Zwang zu großer Politik kaum gewachsen. Sie flüchten in Worthülsen von Solidarität und Neutralität. Wohin das führen soll, verschweigen sie.

Der brutale globale Vorrangverlust einer Wirtschaft auf Talfahrt bedeutet nicht nur eine harte Landung für die Spaßgesellschaft. Schluss mit lustig heißt es auch für die Trittbrettfahrer der Staatengemeinschaft. Österreich bleibt eine wirkliche Positionierung nicht erspart.

Der Neutralitätspopulismus entspringt der Furcht vor einer vielleicht schmerzlichen Neudefinition unserer Rolle in der Welt. Die Nichtinformation über den US-Gegenschlag sollte letzte Reste eitlen Selbstbetrugs beseitigen.

Eine eindeutige Kurswahl ist innenpolitisch bedeutender als international, wo wir kaum noch unwichtiger werden können. Sie muss nicht zwangsläufig gegen die Neutralität ausfallen, aber gegen ihre geschichtsfälschende Fortschreibung. Bündnisfreiheit wäre für ein EU-Mitglied ohnehin Etikettenschwindel. Doch je bedingter die Teilnahme an einer Allianz, um so mehr erfordert das Selbstbestimmungsrecht den Selbstverteidigungswillen.

Niemand will überhastete Antworten zu jahrzehntelang identitätsstiftenden Tabus. Die Fragen freilich sind zu stellen. Dabei geht es auch um die Vermittlung banaler Konsequenzen wie: Wer A sagt, muss auch B sagen.

Eine nationale Standortbestimmung abseits von Ökonomie ist überfällig. Doch vom Kanzler abwärts scheuen die Verantwortlichen dieses öffentliche Gespräch anstatt es anzufachen. Umfragen signalisieren nämlich, dass die Österreicher die aktuelle Weltkrise wie alle früheren bewältigen wollen: neutral und nicht betroffen bleiben.

Das aber ist kein Auftrag an die Mandatare, sondern ein Irrtum der Befragten. Wir sind betroffen. Wer diese globale Realität jetzt nicht konsequent aufzeigt, handelt politisch verantwortungslos. Speed kills war ein Motto der Regierung. Ihr Stillstand wirkt viel bedrohlicher.

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