Kommentar WirtschaftsBlatt

"Ausbildung muss etwas kosten" von Arne Johannsen

Wien (OTS) - Eins, zwei oder X - es ist schon fast wie beim Toto.
An einem Tag melden Unternehmen den notwendigen Abbau von tausenden von Mitarbeitern, am nächsten Tag klagen Manager laut über den Mangel an Arbeitskräften - was aber schnell wieder aus den Schlagzeilen verschwindet, weil am dritten Tag mit Sicherheit wieder ein bekanntes Unternehmen die Streichung von zahlreichen Jobs bekannt gibt. Die Verwirrung über die aktuelle Situation am Arbeitsmarkt ist gross. Denn dass manche Branchen zuviel Beschäftigte haben, andere dagegen händeringend Mitarbeiter suchen, ist in dieser Form neu. Während viele Dienstleister, Gastwirte und Händler dringend Arbeitskräfte suchen, haben Energie- und Wasserversorger sowie der Bau derzeit zu lange Lohnlisten. Bisher gab es immer entweder hohe Arbeitslosigkeit oder Vollbeschäftigung - die Welt war jedenfalls schön einfach. Die neue Undurchsichtigkeit erlaubt vielfältige Interpretationen. Die Unternehmen beklagen immer wieder die gebremste Mobilität der Arbeitnehmer und deren mangelnde Qualifikation - alles richtig, aber doch nur die halbe Wahrheit. Denn auf die Gegenfrage, wieviele Lehrlinge das jeweilisge Unternehmen selber aktuell ausbildet, wird es meist sehr ruhig. Oft kommt der Hinweis auf die hohen Kosten und bürokratischen Hürden bei der Ausbildung doch auch das ist nur ein Seite der Medaille. Vielen Betrieben fällt jetzt auf den Kopf, dass das Management mehr an die nächste Bilanz als an die nächsten Jahre gedacht hat. Mitte der neunziger Jahre ist die Lehrlingsquote auf einen Tiefstand gesunken - jetzt fehlen die Facharbeiter. Früher hat die mächtige Verstaatlichte die Ausbildung für ganze Branchen miterledig, doch damit ist es längst vorbei. Die Textilindustrie hat seit den sechziger Jahren drei Viertel ihrer Beschäftigten abgebaut -und wundert sich jetzt, dass ihre Branche für junge Menschen nicht sonderlich attraktiv ist. Auch Wirtschaftskämmerer geben mittlerweile zu, dass der Schlüssel gegen die Krise in den Betrieben liegt - und weisen darauf hin, dass Umschulung und Fortbildung nicht zum Nulltarif zu haben sind. Das Bemühen, die Kluft zwischen Entlassungen und Mangel an Beschäftigten zu schliessen, wird jedenfalls ein langer und zäher Prozess - im Unterschied zum Toto, wo man nach 90 Minuten wenigstens weiss, ob der Tipp ein Treffer war. (Schluss) ajo

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