Krise am Bau spitzt sich weiter zu

Auftragseingänge gehen dramatisch zurück - Bundesinnung Bau befürchtet Rekordarbeitslosigkeit

Wien (PWK713) - "Vor einem Jahr haben uns die Wirtschaftsforscher noch ein reales Wachstum von 1,5 bis 2 % versprochen. Jetzt sind sie schon bei 0,5% und alles deutet darauf hin, dass sich die Krise am Bau weiter zuspitzen wird", erklärt Johannes Lahofer, Innungsmeister der Bundesinnung Bau, bei einer Pressekonferenz zur Krise am Bau. Entgegen den optimistischen Prognosen der Wirtschaftsforscher rechnet Lahofer für heuer mit einem realen Rückgang von 0,5 %, denn der Konjunkturrückgang in der Bauwirtschaft ist deutlich zu spüren:
Umsatz und Auftragseingänge brechen ein, die Zahl der Arbeitslosen steigt.

Im Juni 2001 lagen die Umsätze bereits um 4 % unter jenen des Vorjahreswertes. Am stärksten hat es die Bundesländer Salzburg (-16,3 %), Wien (-10,9 %), Vorarlberg ( -8,3 %) und Steiermark (-7,4 %) getroffen. Auf Grund der schlechten Ergebnisse im Juni 2001 ist die Bauproduktion im 1. Halbjahr um 0,1 % unter den Wert des Vorjahres gesunken. Der Hochbau hat sich mit einem Rückgang von -2,2 % deutlich schlechter entwickelt als der Tiefbau (+3,5%). Verantwortlich für die schwierige Situation im Hochbau ist vor allem ein kräftiges Minus beim Wohnungs- und Siedlungsbau (-7,4 %) und bei den Adaptierungsarbeiten (-7,7 %). Der Anteil der öffentlichen Hand an den Aufträgen ist bereits auf ein Drittel geschmolzen. Der Auftragsbestand lag Ende Juni zwar noch um 2,1 % über dem Vorjahreswert, jedoch zeigt sich auch hier eine starke Abschwächung, da die Summe der Auftragseingänge in den ersten 6 Monaten des Jahres 2001 bereits um mehr als 2 % unter jenen des Jahres 2000 liegen. "Die Bauwirtschaft zehrt von einem Auftragspolster, aber es fehlt an Neuzugängen", so Lahofer. Die Auftragseingänge der öffentlichen Hand sind im 1. Halbjahr sogar um 11 % im Vergleich zum Vorjahr geschrumpft.

Der Ausblick auf das 2. Halbjahr ist nicht rosig. Nach einer Erhebung der Bundesinnung haben sich die Auftragseingangserwartungen für die nächsten Monate gegenüber dem Vorjahr deutlich verschlechtert. Im Bundesdurchschnitt erwarten lediglich 11 % der Betriebe einen Zuwachs im Auftragsbestand. Dem gegenüber stehen 38 %, die mit einem deutlichen Rückgang rechnen. Der Saldo liegt somit bei -27 %. Bei der vergleichbaren Erhebung im Vorjahr lag das Verhältnis noch bei +18 % zu -21 %, per Saldo also bei -3 %. Eine Erholung der Baukonjunktur scheint auch nach diesem Indikator nicht in Sicht.

Bei den Insolvenzfällen nimmt das Bauhaupt- und Baunebengewerbe in den ersten drei Quartalen den traurigen Spitzenplatz ein. 720 Insolvenzen von Jänner bis September 2001 bedeuten vier Insolvenzfälle pro Tag und eine Schadenssumme von mindestens 5 Mrd Schilling.

Die triste Konjunkturlage macht sich auch bei den Beschäftigtenzahlen bemerkbar. So waren im Juni 2001 um 5,5 % weniger Bauarbeiter im Baugewerbe und in der Bauindustrie beschäftigt als im Jahr zuvor. Sieht man sich den Durchschnitt der beschäftigten Bauarbeiter der letzten 12 Monate an, so hat das Baugewerbe seinen Arbeiterstand um 4,6 % (ca. 3.000 Arbeiter), die Bauindustrie sogar um 7,2 % (ca. 1.900 Arbeiter) reduziert.

Vor allem im Hoch- und Tiefbau ist die Zahl der Arbeitslosen enorm gestiegen. Im August lag sie um 18,4 %, im September um 22,9 % über dem Vorjahreswert. "Wenn nicht rasch gegengesteuert wird, haben wir im Jänner 2002 mit über 100.000 Arbeitslosen eine neue Rekordarbeitslosigkeit am Bau", befürchtet Lahofer. Im Durchschnitt sind rund 67.500 Arbeiter im Baugewerbe und 23.000 in der Bauindustrie beschäftigt, was die Stärke der KMU’s im Baubereich demonstriert. Dazu kommen noch 15.000 Angestellte.

Mit einem Bündel an Maßnahmen will die Bundesinnung nun die drohende Rekordarbeitslosigkeit verhindern, "wenn die Politik mitspielt", so Lahofer. Unter anderem sprach sich Lahofer dafür aus, die Exportfinanzierung im Hinblick auf die bevorstehende EU-Osterweiterung zu verbessern, die Berufschulzeit zu verkürzen und das Pfuscherunwesen am Bau mit einer schnellen Eingreiftruppe systematisch zu bekämpfen. "Aber nicht zur einseitigen Bekämpfung illegaler Beschäftigung, sondern zur Verfolgung der gewerbsmäßigen Pfuscherpartien, die mittlerweile zu Hunderten durchs Land ziehen und deren "Umsatz" den offiziellen Bauproduktionswert bereits weit überschritten hat.

Da dieses Problem mit Strafen allein nicht gelöst werden kann, schlägt der Bundesinnungsmeister vor, den Mehrwertsteuersatz für Renovierung und Reparatur von Privatwohnungen wie in zahlreichen anderen EU-Ländern um mindestens 10% zu reduzieren und die Wohnbauförderung an die Vorlage von Dienstleistungsrechnungen befugter Bauunternehmen zu binden. Weiters sollen die nicht-zweckgebunden Mittel aus der Wohnbauförderung in der Höhe von fast 16 Mrd Schilling (incl. Rückflüsse) künftig nicht mehr zum Stopfen von Budgetlöchern der Länder verwendet, sondern fix für bauliche Investitionen reserviert werden. Die fehlenden Mittel könnten die Länder und Gemeinden leicht auftreiben, wenn sie auf Eigenregiearbeiten verzichten, die von privaten Unternehmen nachweislich um ein Drittel billiger erbracht werden. Insgesamt beschäftigen die Länder und Gemeinden alleine im Baubereich über 32.000 Beamte, die in Eigenregie ein Volumen von 20 Mrd Schilling bewegen.

Forcieren will Günter Tschepl, Geschäftsführer der Bundesinnung Bau, die thermische Sanierung und den Denkmalschutz. Laut einer Studie der Donau-Universität Krems müssen in den nächsten 20 Jahren über 1,5 Millionen Wohneinheiten gründlich saniert und die Energieeffizienz verbessert werden. Die Experten schätzen das Investitionsvolumen auf rund 12 Mrd Schilling pro Jahr. "Jede Milliarde Schilling, die wir in die thermische Sanierung investieren, schützt nicht nur die Umwelt, sondern sichert mindestens 1.800 Arbeitsplätze", erläutert Tschepl.

Aber auch in der Restaurierung und Erhaltung von Kulturbauten steckt noch ein enormes wirtschaftliches und beschäftigungspolitisches Potential. Derzeit gibt es in Österreich rund 36.000 erhaltungswürdige, historische Bauten. Um dieses kulturelle Erbe für die Nachwelt zu erhalten, müssen in den nächsten 10 Jahren rund 151 Mrd Schilling investiert werden. Der europäische Verband der kleinen und mittleren Unternehmen (UEAPME) schätzt, dass bei entsprechender Dotierung mindestens 20.000 neue Arbeitsplätze in diesem Bereich in Österreich geschaffen werden können. Finanzieren will Tschepl diese Investitionen zum Teil aus Mitteln des Jubiläumsfonds der Nationalbank.
Sorgen bereitet Tschepl eine dubiose Entwicklungen im Vergabewesen. Unter dem Motto "Wer bietet den billigsten Preis" werden im Internet bereits Bauaufträge versteigert. Angesichts der konjunkturellen Lage und des einbrechenden Auftragsbestandes könnten viele Betriebe entgegen jeder wirtschaftlichen Vernunft der Verlockung nicht widerstehen. "Solche Vergabepraktiken sind der Todesstoß für die kleinen Betriebe" warnt Tschepl. Diese Preisspirale nach unten würde nicht nur die Insolvenz- und Arbeitslosenzahlen in die Höhe treiben, sondern auch die Qualität der Bauausführung erheblich beeinträchtigen.

Im Siedlungswasserbau leiden die Betriebe bereits unter einem drastischen Rückgang bei den Mitteln für den Siedlungswasserbau, die innerhalb eines Jahres um 1 Mrd Schilling gekürzt wurden. "Diese Reduktion steht im klaren Widerspruch zu EU-Vorgaben, wonach systematisch ländliche Gebiete mit wenig Einwohnern an die öffentliche Wasserver- und entsorgung angeschlossen werden sollen. "Für einen Anschlussgrad von 92% der österreichischen Gemeinden an öffentliche Abwasseranlagen mit Trinkwasserqualität müssen bis zum Jahr 2012 über 165 Mrd Schilling investiert werden", rechnet Tschepl vor. (MH)

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