DER STANDARD-Kommentar: "Unter Bösen und Blinden: Die Experten schweigen, jetzt sprechen die Intellektuellen: Kein Fortschritt" (von Michael Fleischhacker)

Erscheinungstag 10.10.2001

Wien (OTS) - Die deutschen Dichter und Denker eilen dieser Tage
zur Buchmesse nach Frankfurt. Auch im übertragenen Sinn verlassen sie ihre Wohnungen: Nachdem man auf der Mitgliederversammlung der Berliner Akademie der Künste die Devise "Raus aus dem Elfenbeinturm" ausgegeben habe, erlebe nun, schreibt die Frankfurter Allgemeinen Zeitung, "die klassische Dichterbehausung" einen "Massenexodus." Wurde auch Zeit: "Die Tage, ja beinahe Wochen dauernde Schrecksekunde unmittelbar nach der Katastrophe ist vorüber", die "Stunde der Experten" - endlich! - "verstrichen": "Die Debatte deutscher Intellektueller ist in vollem Gange". Und dafür ist wohl das Schweigen der Experten eine absolute Grundvoraussetzung.

Nachdem die Experten weggesperrt waren, konnte der Spiegel getrost die ausgewählten Neuerscheinungen - obwohl oder weil vor dem 11. September abgeschlossen - als "Vorbeben der Angst" präsentieren:
"Schluss mit Pop-Tralala, ernster Ton, elementare Themen -überraschend haben etliche der neuen romane deutscher Sprache, die jetzt erschienen, das längst beherzigt."

Und jetzt beherzigen sie es sowieso: Der Dichter Durs Grünbein beispielsweise lotet seit Wochen die fließenden Grenzen zwischen Betroffenheitslyrik und Nervenzusammenbruchsprosa aus. Das hört sich am Ende so an: "Der Tag, an dem die westliche Wohlfühl-Welt erschüttert wurde, war ein sonniger Frühherbsttag im Licht des Indian Summer. Ein Wetter zum Eierlegen - dass es ausgerechnet Schlangen-und Echseneier waren, hat uns allesamt überrascht."

Bei so viel Überraschung kann auch was danebengehen: Botho Strauß, von den üblichen Unverdächtigen zum Hauptskandalführer der Bundesrepublik erkoren, lieferte einen Text ab, den man, wie die FAZ "konfus" nennen mag und "töricht". Es ist aber gewiss kein Zufall, dass ausgerechnet Strauß auf zwei Sachverhalte hinwies, über die man jenseits der peinlichen Betroffenheitslyrik nachdenken sollte:

"Der Kampf der Bösen gegen die Bösen. Die Amerikaner wissen, wer die Bösen sind. Die Glaubenskrieger wissen, wer der Große und der Kleine Satan sind." Ulrich Raulff hat am Dienstag in der Süddeutschen Zeitung weitergeführt, was hier anklingt: "Bruder Laden" nennt er seinen Text in Anspielung auf Thomas Manns "Bruder Hitler", und er warnt davor, die Agenten des Terrors nicht nur zu bekämpfen, sondern "sie zu absoluten Feinden zu erklären und ihnen den absoluten Krieg zu erklären". (Eine Art von Schubladendenken, das auch in der Medienbranche seine Anhänger hat.) Dass, wie Raulff erwähnt, ausgerechnet der böse Carl Schmitt darauf hingewiesen hat, dass die Relativierung der Feindschaft zu den großen Errungenschaften der europäischen Zivilisation gehört, passt gut ins Bild.

Botho Strauß" zweite wichtige Einlassung lautet: "Die Blindheit der Glaubenskrieger und die metaphysische Blindheit der westlichen Intelligenz scheinen einander auf verhängnisvolle Weise zu bedingen." Das Verständigungsproblem, das der Kommunikationsskeptiker Strauß hier anspricht, findet seinen direkten Ausdruck in der jüngsten Wortmeldung von Salman Rushdie: Er plädiert als eines der prominentesten Opfer des religiösen Fanatismus für ein schlichtes "Weg mit der Religion". Zugleich erklärt er: "Nicht durch den Krieg, sondern durch die unerschrockene Art unseres Lebens werden wir die Terroristen besiegen."

Schöner ließe sich kaum zeigen, was "metaphysische Blindheit" meint: Sie tritt dort zutage, wo jemand seine eigene, durch und durch nachmetaphysisch-aufgeklärte "unerschrockene Art des Lebens" als Waffe begreift, mit der man von religiösen Wahnvorstellungen begleitete Terroristen "besiegen" könnte. Die Ärzte, die eine solche Blindheit heilen können, sind die Ketzer aller Religionen:
Unerschrocken und empfänglich für das Metaphysische. Man sollte sie als Experten konsultieren, wenn die Denker und Dichter wieder abgereist sind.

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