"Presse"-Kommentar: Der Terror-Vorwand (von Andreas Schwarz)

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"Presse"-Kommentar: Der Terror-Vorwand (von Andreas Schwarz)

Ausgabe vom 10. 10. 2001

Wien (OTS). Warum? Seit den Selbstmordanschlägen radikal-islamischer Fundamentalisten in New York und Washington rätselt die Welt über den Haß, der hinter solchen Aktionen stecken muß, über das Motiv für den Terror, über das Warum. Und wenn das Häßliche ein sprechendes Gesicht bekommt, wie jenes des Osama bin Laden in einem Video am Tag des alliierten Gegenschlags, wenn das Gesicht über die Amerikaner samt und sonders und mit "Gottes Hilfe" Verdammnis spricht, den Westen gar nicht theatralisch, sondern beängstigend nüchtern zum Todfeind erklärt, fragt man erst recht: warum?
Eine Erklärung hat der als Terrorpate apostrophierte Bin Laden selbst vermeintlich geliefert: Amerika werde keinen Frieden mehr erleben, solange Palästina keinen Frieden erlebe, hat der hagere Bartträger gesagt. Nicht nur, daß sich der fehlgeratene Milliardärssohn damit mehr oder weniger zu den Terrorattentaten bekannt hat, die zu organisieren ihm nach früheren Wortmeldungen gar nicht möglich gewesen wäre; plötzlich kämpft Bin Laden für ein Ziel, das arabische Wahnsinnige hie und da ganz gerne für sich vereinnahmen: die Befreiung Palästinas.
Schon Saddam Hussein hat mit diesem Trick operiert. Sein Überfall auf Kuwait hatte rein ökonomische und imperialistische Gründe, ein schlicht gestrickter Potentat erlag damals seinem Größenwahn. Als er sich dann einer internationalen, auch arabischen Phalanx gegenübersah, machte sich der Diktator am Tigris zum Fürsprecher der palästinensischen Sache, um die arabische Front gegen ihn zu durchbrechen. Das gelang ihm nicht, aber eine Folge hatte Saddams Raubzug schon: Auch im Westen wurde laut - und in der Sache nicht unrichtig - darüber nachgedacht, ob nicht Israels Umgang mit den Palästinensern in der Tat der Grund für den Unfrieden in der arabischen Region sei. Nach dem Golfkrieg begann denn auch der Nahost-Friedensprozeß.
Jetzt ist Osama bin Laden so schlau wie Saddam Hussein. Der Terror-Drahtzieher hat Zeit seines Lebens nicht für eine Sache gekämpft, sondern gegen eine, nämlich die Dominanz der Ungläubigen, vor allem der Amerikaner, in der Welt, vor allem der islamischen. Der Ex-Playboy ist getrieben vom sektenähnlichen Zwang, einen Auftrag zu erfüllen: die "Ungläubigen" zu bestrafen für all das, was sie vermeintlich der moslemischen Welt angetan haben. Er hat zum Mord an Amerikanern aufgerufen, in Afrika, später in Nahost, jetzt auf der ganzen Welt. Das ist schlicht die krankhafte Fehlinterpretation der islamischen Religion durch einen pathologischen Fanatiker. Mit der Befreiung Palästinas zumindest in dem Sinn, wie sie der Westen verstehen würde - eine gerechte Nahostlösung - hat das gar nichts zu tun.
Wenn Osama bin Laden von der Befreiung Palästinas spricht (oder sich plötzlich als Rächer des Irak geriert), dann meint er zweierlei:
Erstens, bei einer breiten Schicht von Moslems eine Solidarisierung gegen den Feind USA zu erreichen. Was billig und geschickt ist, denn in der moslemischen Welt ist die hinhaltende Mißachtung palästinensischer Rechte durch Israel und dessen Verbündeten, die USA, ein Stachel im Fleisch. Und zweitens meint die Befreiung Palästinas nicht weniger als die Auslöschung Israels.
Das sollte bedenken, wer allzuschnell der Video-Rhetorik des Osama bin Laden erliegt und das Nahost-Problem als wahre Wurzel des Terrors benennt. Die Palästinenserfrage gehört rasch und umfassend gelöst, kein Zweifel. Und ein weiteres Zögern kann weitere Anhänger von Gewalt mobilisieren. Nur am Terror eines Bin Laden, da darf man sich nicht täuschen, würde eine Nahostlösung nach zivilisierter Vorstellung nichts ändern. Der spielt sich in einer ganz anderen Kategorie ab.

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