"Neue Kärntner Tageszeitung" Kommentar: Vor weltweitem Religionskrieg?

Ausgabe vom 09.10.2001

"Wenn alles vorbei ist, rufen Engel deinen Namen und tragen für dich ihre schönsten Kleider": Die an die 11.-September-Terroristen gerichtete spirituelle Anleitung zum Massenmord erfolgte im Namen Gottes. Gott als Rechtfertigung für den furchtbarsten Terroranschlag der Geschichte. Unter Gottesanrufung erfolgte nunmehr auch der Auftakt zum militärischen Rückschlag der Amerikaner - US-Präsident George W. Bush unterstrich seine Kriegszielsetzung mit einem "Möge Gott Amerika weiterhin segnen".

Gott als Quelle für Terror, Krieg und Mord: Alle drei monotheistischen Religionen verfügen in diesem Sinne über uralte Tradition. Die heiligen Schriften des Juden- und Christentums sowie des Islam strotzen vor Zitaten, die mit dazu beigetragen haben, Menschen unendliches Leid zuzufügen. Physische und psychische Gewalt im Namen Gottes füllen die dunkelsten Kapitel der Menschheitsgeschichte. "Und dennoch ist Gott unschuldig. Unschuldig wie etwas, dass es nicht gibt, niemals gab und nie geben wird. Er ist unschuldig, ein ganzes Universum erschaffen zu haben, nur um es mit Menschen zu bevölkern, die zu den größten Verbrechen fähig sind", meint dazu der portugiesische Romancier, Literatur-Nobelpreisträger und Atheist José Saramago.

Sozusagen trotz Gotteshinweis hat Bush den Angriff zur Verteidigung gegen Terror kultiviert begründet. Seine kluge, ausbalancierte, weitab von Rambo-Rhetorik gehaltene Rede zur Nation fordert Respekt ab. Zu befürchten bleibt allerdings, dass der Afghanistanangriff einen weltweiten "Religionskrieg" auslöst.

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