DER STANDARD-Kommentar: "Versuchte Geiselnahme: Am Sonntagabend faszinierte vor allem die Gleichzeitigkeit der Ereignisse" (von Gudrun Harrer) - Erscheinungstag 9.10.2001

Wien (OTS) - Drei Dinge passierten am Sonntagabend fast
gleichzeitig und gleichsam in Konkurrenz: die amerikanisch-britischen Angriffe auf Ziele in Afghanistan; der Start der US- "Rosinenbomber", die in der Folge 37.000 Lebensmittelpakete über dem Land abwerfen sollten; und die Ausstrahlung der vorher aufgezeichneten Rede von Osama Bin Laden. Wer oder was "gewonnen" hat, ist noch unsicher.

Erstens: Dass Bin Laden am Sonntag nicht direkt im Visier der Angreifer stand, hat US- Verteidigungsminister Donald Rumsfeld bestätigt. Es wäre auch naiv, anzunehmen, dieses Ziel ließe sich mit einer Rakete erwischen. Vielmehr wurde die militärische und sonstige Infrastruktur der Taliban angepeilt und getroffen - und das tut ihnen bei wachsendem Druck der jetzt von einer breiten Koalition unterstützten Nordallianz an den Frontlinien natürlich weh. Wenn es gelingt, die (Luft-)Versorgung der Taliban-Front im Norden abzuschneiden, ist deren Zusammenbruch nicht fern.

Zweitens: Die britische Hilfsorganisation Oxfam macht darauf aufmerksam, dass die Lebensmittelabwürfe aus der Luft, auch wenn sie nach fantastisch viel klingen, niemals Lieferung und Verteilung auf dem Boden ersetzen können. Das ist bestimmt richtig, aber trotzdem haben die Pakete aus der Luft eine starke Symbolkraft: Erstens war es immer eines der großen Probleme der Taliban, die afghanische Bevölkerung zu ernähren, und zweitens wird mit den Hilfspaketen anders als damals im Irak den Menschen sofort signalisiert, dass man sie nicht für "schuldig" hält.

Das Einzige, was die Taliban den Afghanen jemals gegeben haben, war Stabilität, das heißt Abwesenheit von Kämpfen in ihrem Herrschaftsbereich - auch wenn diese Stabilität mehr einer Friedhofsruhe glich. Damit ist es nun auch vorbei, ihre Unterstützung für die islamistische Internationale des Bin Laden hat den Krieg wieder in die Städte oder zumindest an deren Rand getragen. Nichts ist den Taliban also geblieben - nicht einmal das Geld, um wie damals bei ihrer Machtübernahme die Loyalität von Stammeshäuptlingen und anderen Honoratioren zu erkaufen. Die Nordallianz meldet zahlreiche überlaufende Soldaten, im Taliban-Homeland im Süden werden Absetzbewegungen der Opinion-Leader gemeldet. Die Gefolgschaft der Taliban aus ideologischen Gründen hält sich in Grenzen, das Ende des Regimes könnte also schnell kommen.

Denn - drittens - Unterstützung von außen ist nicht zu erwarten. Mit seiner Rede versuchte Bin Laden das Steuer herumzureißen, und auf den Straßen der islamischen und arabischen Länder - und nicht zu vergessen in den Chatrooms - wird er teilweise Erfolg haben. Die prominente Thematisierung der Palästinenserfrage, die auf der Agenda der Islamisten nur einer der Punkte ist - und nicht der, der Osama Bin Laden zu einem Terroristen gemacht hat -, hat den klaren Zweck, Araber und Muslime als Geisel zu nehmen.

Aber bisher sind die Reaktionen genau wie erwartet ausgefallen:
ein vor Propagandawut rasender Irak, ein die konservativen Mullahs befriedigender Iran (der mit seiner Reaktion das weitgehende Entgegenkommen der Regierung Khatami ausgleichen muss), sonst Hinweise auf den "Terrorismus Israels" gegen die Palästinenser wie in Syrien - bei gleichzeitigem Verständnis für das amerikanische Vorgehen.

Fast flehentlich bitten die arabischen Partner wie Ägypten die USA um Mäßigung. Die Gefahr, dass sich Washington doch noch gegen den Irak wendet und dadurch einen Dammbruch - die endgültige Vereinigung der Islamisten und der Saddam-Anhänger - verursacht, liegt in der Luft. Man ist hin und hergerissen zwischen dem Wunsch, Bin Laden, Saddam Hussein und all jene, die das Zusammenleben mit dem Westen unmöglich machen, endlich und endgültig los zu werden, und der Angst vor den Folgen. Niemand weiß, wie sie aussehen werden und wie man mit ihnen umgehen kann.

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