"Tiroler Tageszeitung" Kommentar: "Mühen der Wende" (Von Stefan Kappacher)

Ausgabe vom 8. 10. 2001

Innsbruck (OTS) - Nähme man alle aktuellen Spekulationen über den Zustand der österreichischen Mitte-Rechts-Regierung ernst, dann ergäbe sich ungefähr folgendes Bild: Innenminister Ernst Strasser, ÖVP-Shootingstar und quasi Kanzlerreserve, übernimmt in der Volkspartei das Ruder. Rückzugsgefechte der Schüssel-Khol-Fraktion in Form von öffentlichen Kopfwäschen für den sich allzu liberal gebenden Niederösterreicher fruchten nichts. Strasser - in Wahrheit ein konservativer Hardliner - kuschelt sich sofort in eine Koalition mit der Gusenbauer-SPÖ. Die FPÖ bricht fassungslos weinend zusammen.

Man sollte nicht alles ernst nehmen. Diese Koalition ist noch nicht am Ende, aber sie hat in diesen Tagen deutlicher denn je ihre Grenzen spüren müssen. Auf der einen Seite steht die FPÖ, die nur auf ihre miserablen Umfragewerte schauen muss, um Altobmann Haider in jeden populistischen Unsinn zu folgen, den er von Kärnten aus verzapft. Das betrifft auch für die ÖVP sensible Bereiche wie die EU-Erweiterung - und markiert mögliche Koalitionsbruchstellen. Auf der anderen Seite stehen manche ÖVP-Granden, die nicht gern sehen, wie sehr Schüssel die Freiheitlichen am Machtspiel teilhaben lässt. Die jüngste Demontage von Johannes Ditz als ÖIAG-Chef stieß vielen in der ÖVP sauer auf.

Darunter sind genug, wie die FPÖ-Chefin richtig erkannt hat, die sich das Koalitionsleben mit der SPÖ um einiges leichter vorstellen als mit der FPÖ. Gusenbauer & Co. fördern dies nach Kräften, ist doch Rot-Grün nach Van der Bellens Neutralitäts-Harakiri so weit entfernt wie immer. Viel zu moderieren für den Kanzler.

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