"Tiroler Tageszeitung" Kommentar: "Zu viel der Worte" (Von Claus Reitan)

Ausgabe vom 6. 10. 2001

Innsbruck (OTS) - Und wieder einmal ist ein politischer Wunsch der Vater des Gedankens: Die Wahlkampftöne werden deutlicher, vermutet der Vorsitzende der SPÖ, Alfred Gusenbauer. Da hat der sich so treffsicher wähnende Analytiker einiges überzogen interpretiert. Denn die Töne aus den Reihen der Freiheitlichen, auf die sich Gusenbauer bezieht, klingen nicht nach Wahlkampf sondern nach demselben, was die FPÖ an radikalen Positionen seit Jahren äußert. Und die Überbetonung jeglicher FPÖ-Aussage durch die SPÖ führt nur zur Überbewertung eben dieser Aussage und der FPÖ. Es ist stets dieselbe Falle, in die schon die Vorgänger Gusenbauers tappten.

Nicht viel anders verhält es sich mit den oppositionellen Vermutungen, die Gespräche von Innenminister Ernst Strasser (ÖVP) mit anderen Parlamentsparteien, etwa der SPÖ, seien Anzeichen für einen bevorstehenden Wechsel in der Koalition der Schwarzen. Weg von den Blauen hin zu den Roten. Hier sieht jemand eine Fata Morgana, um sich dann an ihrer Erscheinung zu ergötzen. Denn Gespräche mit allen Parteien gehören zum Geschäft eines Bundesministers, wobei gerade von Strasser nicht anzunehmen ist, er würde eine Regierung spalten, der er angehört. Abgesehen davon, dass die Kritik an Strasser im Falle der Gesprächsverweigerung größer und auch berechtigt wäre.

So sehr sich die Opposition das Wahlkampfgetöse wünscht, um wieder verstärkt ins öffentliche Gespräch zu kommen, die Zeiten sind nicht danach. Niemand will derzeit wissen, was die Herren in den Parteigremien von sich und den anderen halten. Hingegen wüssten wir alle gerne, wie es um Neutralität und internationale Solidarität Österreichs bestellt ist, wann die Steuerreform kommt und wie der Innen- und Justizminister möglicher Terroristen und ihrer Netzwerke habhaft werden, ehe irgendwo wieder politisch dilettierende österreichische Nachwuchsschauspieler in Haftzellen landen. Der demokratische Wettbewerb der Parteien möge sich auf Themen konzentrieren statt auf gegenseitige Unterstellungen.

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