DER STANDARD-Kommentar: "Kampagne ohne "CNN-Faktor": Verteidigungsminister Rumsfeld kündigte einen eher kalten als heißen Krieg an" (von Gudrun Harrer) - Erscheinungstag 6.10.2001

Wien (ots) - Diesmal gebe es eben keinen "CNN-Faktor" bei den Vorbereitungen zur US-Militäraktion, zitiert Jane"s Defense einen Beamten des Pentagon. Dieser bringt damit den Unterschied zum Winter 1990/91 vor dem Golfkrieg auf den Punkt, als die USA nicht nur wie heute eine Koalition zusammenschmiedeten - damals wurde ebenfalls der Verteidigungsminister, der heutige Vizepräsident Dick Cheney, auf eine Besuchstour geschickt -, sondern den alliierten Schlachtaufstellungsplan plus medienwirksames D-Day-Szenario, das dann auch wirklich eintraf, gleich mitlieferten.

Diesmal, so der jetzige Pentagonchef Donald Rumsfeld am Freitag, werde es sich mehr um einen kalten denn einen heißen Krieg handeln -und die Aufgabenverteilung unter den Koalitionären wird nicht nur nicht öffentlich gemacht, sondern möglichst verschleiert werden. Besonders die 1991 beteiligten Staaten Saudi-Arabien, Ägypten, aber auch das unauffällige Oman, wo es 1994 einen islamistischen Putschversuch gab, haben ihre Lektion aus dem rasanten Anstieg des ihre Regime bedrohenden politisch-militanten Islams unmittelbar nach dem Golfkrieg gelernt. Es ist eine Ironie des Schicksals, dass der Islamismus in diesen Ländern in den vergangenen Jahren als auf dem absteigenden Ast galt - und sich in Wahrheit längst auf die äußeren Feinde konzentrierte.

Wie sehr man in Washington heute auf die Sensibilitäten der Alliierten Rücksicht nimmt, zeigt, dass Islamabad nicht zu den Stationen Rumsfelds gehört: Ein amerikanischer Verteidigungsminister beim durch die latente "Talibanisierung" der letzten Zeit labilsten aller Partner wäre wohl kontraproduktiv. Hier wird die Zusammenarbeit - wie ja schon in der Vergangenheit auch - hauptsächlich über andere Kanäle als offizielle gehen, sprich über die Geheimdienste.

Eine starke Parallele zur Situation vor dem Golfkrieg zeichnet sich jedoch auch ab: Damals wie heute müssen die USA peinlich den Eindruck zu vermeiden versuchen, dass Israel zu den Profiteuren einer Aktion gehören könnte. Im Gegenteil, nach dem Golfkrieg wurde ein sich lautstark wehrender Yitzhak Shamir von den USA zur bahnbrechenden Madrider Nahost-Konferenz geschleppt, heute hört bereits Ariel Sharon das Gras wachsen. Die Aussichten, den seit einem Jahr andauernden Kleinkrieg zwischen Israelis und Palästinensern durch Druck in den Griff zu bekommen, sind allerdings im Moment gering - damit ist jedoch nicht das letzte Wort über die Zukunft gesagt.

Nicht zuletzt Überlegungen den israelisch-palästinensischen Konflikt und seine Rezeption in der Region betreffend haben dazu geführt, dass sich die behutsame "Powell- Option" erst einmal durchgesetzt und mit jedem Tag, der die USA vom 11. September trennt, an Gewicht gewonnen hat. Ganz haben sich die Kreise um Rumsfeld-Vize Paul Wolfowitz noch nicht von einer "All inclusive"-Version verabschiedet, auch wenn sie viel leiser geworden sind: Nach ihrer Vision sollten die USA zumindest in einer zweiten Phase den Irak angreifen, mit dem klaren Ziel, dort einen Umsturz herbeizuführen.

Genau das läuft aber den Absichten zuwider, die Region stabil zu halten, nicht nur, weil tote Zivilisten im Irak Millionen Araber und Muslime weiter gegen die USA aufbringen würden, sondern auch, weil der Irak im Prinzip ohnehin so ist, wie man ihn braucht: stabil, schwach und gleichzeitig potenziell bedrohlich - was die Golfstaaten die Präsenz der USA nicht lieben, aber doch schätzen lässt.

Warum man, wenn man Osama Bin Laden aus Afghanistan herausholen will, alles andere auf später verschieben muss, hat aber zum Teil auch ganz profane Gründe: In ein paar Wochen beginnt im Norden Afghanistans der Winter, jede Kampagne, auch jede Kommandoaktion, wird damit zum logistischen Albtraum. Das ist auch der einzige sichere Hinweis darauf, dass, wenn etwas passiert, es bald der Fall sein wird - wenn es nicht schon längst, ohne CNN-Begleitung, am Laufen ist.

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