"Die Presse" - Kommentar: "Phantasie kontra Realität" von Anneliese Rohrer

Ausgabe vom 2.10.01

WIEN (OTS). Wer will seit dem 11. September behaupten, daß nicht jedes noch so unrealistisch scheinende Drehbuch eines Horrorfilms einmal Wirklichkeit wird? Wer also kann mit letzter Gewißheit behaupten, daß all die Spuren, die der amerikanischen Regierung in Richtung Afghanistan, seiner Berge und Schluchten und der Höhle, in der sich vielleicht Osama bin Laden aufhält, gelegt wurden, nicht in eine Falle führen sollen?
Bei aller Präzision der Anschläge am "schwarzen Dienstag" soll wirklich eine Tasche zufällig liegengeblieben sein? Sollen da und dort zufällig Zeichen aufgetaucht sein, die auf Amerikas Staatsfeind Nr. 1 zeigen? Könnte es nicht sein, daß die Spuren absichtlich falsch gelegt sind, um a) die Supermacht endgültig zu blamieren und b) die Aufmerksamkeit vom nächsten gigantischen Terrorschlag abzulenken? Was, wenn ein ganz anderes Terrornetz am Werk ist? Produkt einer überreizten Phantasie das alles? Ja, hätte man bis Sonntag gesagt, hätte da nicht ein Interview mit Pakistans Präsident Pervez Musharraf eben diese Phantasie neuerlich beflügelt. Der zur Zeit wichtigste Partner der USA bei der Suche nach Bin Laden hatte auf die Frage, ob ihm denn Beweise gegen den Terror-Paten vorgelegt worden seien, mit einem knappen "Nein" geantwortet.
Die Phantasie schlägt Kapriolen: Seit mehr als zwei Wochen verspricht Washington, namentlich Außenminister Colin Powell, man werde Beweise veröffentlichen - wenn aus Sicherheitsgründen auch nicht vollständig. Dafür hatte man Verständnis. Allein, zu einer Veröffentlichung kam es bisher nie. Eine wirkliche Erklärung dafür gab es auch nicht. Es mag das gute Recht der Bush-Regierung sein, nur fördert sie durch dieses Verhalten Mißtrauen und irreale Verschwörungstheorien.
Wenn einer der Hauptbetroffenen der internationalen Entwicklung, nämlich Pakistan, die Wahrheit nicht kennt, der britische Premier Tony Blair aber angeblich schon, wem sollen die Menschen glauben? Sie haben am 11. September gesehen, daß das Unvorstellbare Wirklichkeit werden kann. Man sollte ihnen ein Stück Gewißheit geben, damit ihr Sinn für Realität nicht dauerhaft Opfer ihrer Phantasie wird.

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