DER STANDARD-Kommentar: "Abschied von den Siebzigern: Den Universitäten stehen in diesem Studienjahr einschneidende Reformen ins Haus" (von Martina Salomon) - Erscheinungstag 2.10.2001

Wien (OTS) - Das kommende Studienjahr wird die Universitäten voraussichtlich mehr verändern als die Hochschulpolitik der letzten dreißig Jahre. Leise verabschiedet man sich nun von den Reformen der Siebzigerjahre. Die damalige Wissenschaftsministerin Hertha Firnberg erfüllte "Achtundsechziger"-Forderungen und führte basisdemokratische Mitbestimmungsmöglichkeiten ein. Das war revolutionär, führte langfristig aber zu einer bürokratischen Gremial-Uni.

Außerdem setzte Firnberg einen Prozess in Gang, dessen Folgen nur mühsam zu reparieren sind: Das Ministerium (unter SPÖ-, später aber auch unter ÖVP-Führung) genehmigte jahrzehntelang relativ wahllos neue Institute. Beziehungen zur Politik spielten dabei eine größere Rolle als Qualität. Die dadurch entstandene Zersplitterung der Fächer in zahllose Ein- Mann-Institute verbraucht mittlerweile unnötig viel Geld. Deshalb sind jetzt wieder Schwerpunktbildung und Bündelung der Ressourcen angesagt. Ein heikles Unterfangen: Geht man damit zu weit, tötet es den Wettbewerb.

Beide Themen werden heuer im Mittelpunkt der Universitätspolitik stehen: Die Pläne für eine neue "Vollrechtsfähigkei" der Unis liegen bisher nur als Diskussionsentwurf vor. Das Ministerium will sich in die Aufsichtsrolle zurückziehen. Damit die hohen Schulen ernsthaft gemanagt werden können, werden sie hierarchischer - Basisdemokratie ist out. In Kraft treten wird die Reform voraussichtlich 2003. An den Unis wird das Vorhaben mit riesiger Skepsis betrachtet. Man befürchtet finanzielle und bürokratische Probleme sowie die Gängelung durch das Ressort.

Gleichzeitig bittet das Ministerium die Unis um "Profilentwicklung". Wie die genau aussehen soll, liegt im Dunkeln. Allerdings gibt es bereits konstruktive Signale aus

der Universitätslandschaft. Trotzdem ist wohl nicht anzunehmen, dass dies kampflos über die Bühne gehen wird.

Diese Regierung macht Ernst mit jahrelang diskutierten Reformen. Das ist ein schmerzhafter, mitunter auch chaotisch wirkender Prozess, der bisher leider mehr Verunsicherung als Aufbruchsstimmung erzeugt hat.

Zwei heftig umstrittene Neuerungen gelten bereits seit dieser Woche:
Studiengebühren und ein neues Dienstrecht. Sieht man von ideologischen Bedenken ab, werden die neuen Gebühren erstmals realistische Studenten- sowie Drop-out-Raten erzeugen. Das erleichtert die Budget- und Personalzuteilung beträchtlich. Außerdem werden wohl die Ansprüche der Studenten an "ihre" Unis steigen. Die Evaluierung der Lehre wird - und muss - in Zukunft noch viel wichtiger werden.

Ebenfalls seit diesem Oktober neu: Für die ungefähr zweijährige Übergangsperiode bis zur "Vollrechtsfähigkeit" gilt ein Dienstrecht, das keinen Beamtenstatus mehr für die Unis sowie nur eine begrenzte Assistentenzeit vorsieht. Zweck der Übung: mehr Platz für den Wissenschaftsnachwuchs schaffen. Ein Wermutstropfen dabei ist, dass es - etwa für Mediziner - finanziell unattraktiver geworden ist, eine Karriere an einer Uni-Klinik zu beginnen. Abgesehen davon, werden im Moment noch ganz schnell sehr viele Kollegen unter zweifelhaften Umständen habilitiert, damit sie in letzter Minute ins pragmatisierte Nest flüchten dürfen.

Sobald die Unis "vollrechtsfähig" sind, können sie Verträge mit neuem Personal selbst gestalten. Angestellte sind allerdings in jedem Fall teurer als Beamte. Zwar gibt es Lippenbekenntnisse der Regierung, dafür mehr Ressourcen zur Verfügung stellen. Aber das Misstrauen der Universitäten nach den Sparpaketen der vergangenen Jahre ist verständlicherweise groß.

In den nächsten Jahren findet aufgrund der Altersstruktur der Professorenschaft eine riesige Pensionierungswelle nach. Auch das passt hervorragend ins Konzept der Ministeriumspläne: Die Universitäten werden sich in den nächsten drei bis fünf Jahren drastisch erneuern. Und für die jungen Wissenschafter ist Hertha Firnberg dann nur noch eines: Geschichte.

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