Festarchitektur im Fegefeuer der Vergangenheitsverklärung?

Die Architekten in der Kammer für Wien, Niederösterreich und Burgenland fordern eine städtebaulich fundierte Ein- oder Neufassung des Sofiensaals mit hochkarätiger Architektur

Wien (OTS) - Am Gebäude der Sofiensäle sind im August 2001 unwiederbringliche Substanzverluste entstanden. Die denkmalpflegerische Befundung hat wegen akuter Einsturzgefahr noch nicht begonnen: es fehlen elementare Entscheidungsgrundlagen für einen Neubeginn. Aber eigennützige Zurufe sowohl für den Abbruch, als auch überwiegend für eine Rekonstruktion übertönen Fachargumente.

Zuletzt hat sich sogar das "International Council on Monuments and Sites" (ICOMOS), der UNESCO-Fachbeirat für das Weltkulturerbe, für eine "Rekonstruktion der zerstörten Teile" ausgesprochen und damit auf das Glatteis reiner Spekulation begeben. Offenbar ist nicht nur dort die Sehnsucht nach verklärter Vergangenheit größer als der Respekt vor Denkmalwerten. Bis zur Aussage des Bundesdenkmalamts über den Status des geschützten Sofiensaals sind die Bedingungen für Baumaßnahmen offen.

Der Befund könnte ergeben, dass die Reste ausreichen, um damit die Authentizität des Hauptraumes wiederherzustellen. Böte die Ruine diese Perspektive aber nicht mehr, wäre das Objekt aus dem Denkmalschutz zu entlassen. Das trotzdem seit dem Brand popularisierte Wunschdenken, dem Ort wäre nur eine Rekonstruktion zumutbar, erachtet die Architektenschaft daher als voreilig und baukulturell fragwürdig.

Einerseits negiert dieses nur auf ein historisches Bild abzielende Streben das Wesen des Denkmalschutzes, der auf Substanzerhalt zentriert ist und sich nicht in der Nachbildung altvorderer Zustände verwirklicht. Andererseits ignoriert jeder imitative Ansatz die Tatsache, dass nur Architektur auf der Höhe das Zeug zum Denkmal hat. Eine Teilrekonstruktion, aufbauend auf Originalsubstanz mit architektonischer Rahmenhandlung von heute, wäre der baukulturell akzeptable Grenzfall. Eine Gesamtrekonstruktion samt belanglosen Zubauten, vor allem nach Aufhebung des Denkmalschutzes, eine baukulturelle Bankrotterklärung.

Die Sofiensäle waren ein unbeachteter Sanierungsfall, angedachte Hotelergänzungen wollten kein architektonisches Zeichen setzen. Der Eigentümer sollte sich durch das vom Brand erweckte öffentliche Interesse herausgefordert fühlen, das Potenzial seiner Liegenschaft endlich seriös auszureizen. Dem Quartier nahe von Wien-Mitte stünde eine Aufwertung durch eine baukünstlerisch einwandfrei konzipierte Kultur- und Tourismuseinrichtung gut an.

Die Architektenschaft nimmt ihre baukulturelle Warnpflicht wahr, wenn sie darauf hinweist, dass die stereotype Forderung nach einer Rekonstruktion des Sofiensaals weder gängiger Denkmaldefinition noch den Entwicklungszielen des Standorts genügt. Eine rückwärts gewandte Debatte führt eine konkret vorstellbare Festarchitektur in das populistische Fegefeuer restaurativer Sehnsüchte.

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Mag. Hans Staudinger
Kammer der Architekten und Ingenieurkonsulenten
für Wien, Niederösterreich und Burgenland
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