"Kleine Zeitung" Kommentar: "Ich bin kein Amerikaner" (von Hubert Patterer)

Ausgabe vom 30.9.2001

Graz (OTS) - Die Solidaritätschoräle, die Europa nach den Anschlägen gegen Amerika angestimmt hat, sind rasch verklungen. Der Lack ist ab beim großen Mitgefühl. Was jetzt zu hören ist, laut und immer dumpfer: Der tiefe Bass des Antiamerikanismus. Er dröhnt einem auf den Web-Foren, den Klärgruben der freien Meinungsäußerung, ebenso entgegen wie aus den Beiträgen kritischer Intellektueller. Die Grundmelodie geht in etwa so: Schlimm, was den Amerikanern da passiert ist, aber haben sie sich das Unheil nicht selbst zu zuschreiben? Ist es nicht der Fall, der auf den imperialen Hochmut folgen musste? So nach dem Motto: Zu viel Coke und Big Mac, zu viel Vietnam und Grenada, das musste sich einfach geschichtlich rächen.

Bermerkenswert ist, dass die antiamerikanischen Chorleiter von ganz links und ganz rechts kommen und miteinander eine bizarre ideologische Klangwolke bilden. Zwei Extreme, die sich berühren, ganz so, wie es Aristoteles in seinen Ethika Eudemia vorformuliert hat. Die Rechte hat Amerika Dresden nicht verziehen und hält der Großmacht ihre Nähe zu Israel vor: In Deutschland protestieren Neonazis mit Palästinensertüchern gegen die USA. Und aus der linken Box dringen die pazifistischen America go home-Refrains aus den 60ern. Es ist die reanimierte Öko-Pax-Fraktion, die George Bush zornig zuruft: Give Peace a chance! so, als habe der Texaner den Frieden gebrochen. Eigenartig verdreht stellt sich die Welt durch die Brille des Antiamerikanismus dar: Nicht die Terroristen sind der Aggressor, sondern das "narzisstisch gekränkte" Amerika. Nicht vom nihilistischen Furor der Massenmörder geht die Bedrohung aus, sondern vom Opfer, das "wutkrank" (Sloterdijk) sei und auf Rache sinne. Nicht das monströse Verbrechen war "garchaisch", sondern der "amerikanische Glaube an den Krieg" ist es, wie der Schriftsteller Joseph von Westphalen gestern in der Süddeutschen schrieb. Titel:
"Ich bin kein Amerikaner".

Muss auch niemand sein. Es geht nicht um unreflektierte Gefolgstreue. Die Todesspritzen, das Fahnenpathos, die Selbstbezogenheit, die außenpolitischen Fehler, die die Großmacht wie andere auch begangen haben: Vieles an Amerika ist uns trotz der Nähe fern und fremd. Das soll man benennen dürfen, aber es ist niederträchtig, konservierte Ressentiments in diese Katastrophe hineinzuprojizieren, so lange, bis unten ein süffig-schäbiges Selbst-Schuld herauskommt.

Natürlich ist es legitim, nach dem Warum zu fragen. Aber der Grat ist schmal und gefährlich. Der Friedensforscher Johan Galtung oder die US-Autorin Susan Sontag haben ihn beschritten und sie sind nicht allein. Sie deuten die Anschläge als Antwort auf die soziale Asymmetrie der Welt, für die Amerika als Ordnungsmacht verantwortlich zeichne.

Die Terroristen als postmoderne Robin Hoods? Rein in der Absicht und nur ein bissi grob in der Ausführung? Eine infame Lesart. Sie macht das Opfer zum moralisch Mitverantwortlichen und veredelt eine pathologische Wahnsinnstat, die nicht im Namen der Geschundenen dieser Welt geschah, sondern nur ein Programm hatte: Die Auslöschung eigenen und fremden Lebens. ****

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