DER STANDARD-Interview: "Ein zutiefst falsches Argument: Als "unakzeptabel" haben die EU-Spitzen Silvio Berlusconis Aussage, die westliche Zivilisation sei der islamischen überlegen,

zurückgewiesen. Außenkommissar Chris Patten erläuterte im Gespräch mit Standard- Redakteur Thomas Mayer die Gründe." - Erscheinungstag 29.9.2001

Wien (OTS)- Standard: Sie haben auf die Erklärung des italienischen Premiers scharf reagiert, warum? Patten: Er brachte ein zutiefst falsches Argument. Das macht es für uns extrem schwierig zu versichern, dass die Verbesserung der Menschenrechte auf der Welt ein wirksamer Teil unserer politischen Arbeit ist. Wenn wir mit anderen Ländern über Menschenrechte sprechen, können wir nicht den Eindruck erwecken, dass wir moralisch über ihnen stehen.

Standard: Weil die Menschenrechte universal sind? Patten: Es gibt ein universelles Recht auf Unversehrtheit der Person, dass Menschen nicht terrorisiert werden dürfen oder von Attentätern in die Luft gesprengt werden.

Standard: Berlusconi würde jetzt sagen, dass dies in islamischen Ländern eben nicht respektiert werde. Patten: Das ist ein anderer Punkt. Schauen Sie, ich bin ein praktizierender Christ, und ich habe den Hintergrund eines europäischen Landes. Ich bin stolz auf viele Leistungen der christlichen Zivilisation. Wir haben wahrscheinlich die am meisten zufrieden stellende Balance in der Art, wie Menschen regiert werden, entwickelt, auch was die Freiheit angeht, die Solidargemeinschaft. Aber was war im letzten Jahrhundert? Zwei Weltkriege, die Gaskammern, der Gulag, die schlimmsten Verstöße gegen Menschenrechte, die man sich vorstellen kann. Wenn wir also den Eindruck geben, als seien wir überlegen, so ist das zunächst einmal historisch falsch. Zweitens ist es moralisch falsch. Wenn wir als Christen an eines intensiv glauben sollten, dann ist das Demut. Und drittens ist es entsetzlich schlechte Politik, so etwas zu behaupten.

Standard: Berlusconi scheint Islam und die Nichtbeachtung von Menschenrechten als eines zu sehen. Ist es diese Vermischung, die Sie so stört? Patten: Ich versuche das aus einer anderen Perspektive zu sehen. Ich habe fünf Jahre meines Lebens in Asien (als britischer Gouverneur von Hongkong, Anm.) verbracht zu einer Zeit, in der eine Menge Leute davon gesprochen haben, dass asiatische Werte den westlichen Werten überlegen seien. Viele sagten, Demokratie, gesellschaftliche Freiheiten, das sind nicht die Dinge, um die Asiaten sich nicht kümmern. Das war verrückt. Die Asiaten machen sich darüber genauso Gedanken wie die Europäer. Es ist nicht wahr, wenn man sagt, andere Länder oder andere Zivilisationen seien aus Prinzip nicht fähig, Demokratie und Wohlstand zu erreichen.

Standard: Der ägyptische Präsident Mubarak sagte, dass die großen drei monotheistischen Religionen Christentum, Judentum und Islam fruchtbringend kooperieren sollten. Wie hat die EU das bei ihrer Nahost-Mission aufgenommen? Patten: Seit dem 11. September, dem Tag der Attentate auf die USA, haben viele begonnen, mehr über den Islam zu lesen. Wenn sie das tun, sind sie sofort beeindruckt über die Ähnlichkeiten dieser Religionen und dieser Glaubensbekenntnisse, wie sie in den Büchern stehen. Die historischen und kulturellen Dinge, die sie verbinden. Das heißt aber auch nicht, dass man sich nicht des enormen Einflusses des Westens auf den Buddhismus bewusst ist. Es ist gefährlich, über eine Zivilisation so zu reden, als würde sie von ihrem Grundsatz her, als Erbe, moralisch über einer anderen stehen.

Standard: Welche Auswirkungen kann Berlusconis Aussage haben? Wird sie die Gefühle gegen Moslems anheizen? Patten: Ich hoffe nicht. Die Erklärungen, die der italienische Regierungssprecher abgegeben hat, gehen dahin, dass Berlusconi nicht dies zum Ausdruck bringen wollte, wie manche Leute glaubten. Aber für Kirchenführer, für Politiker, für die Wissenschaft gilt, dass sie offensiv werden müssen und öffentlich genau jene Dinge deutlich machen, die ich genannt habe.

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