"Presse"-Kommentar: Schlechter Ratgeber Angst (von Andreas Schwarz)

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"Presse"-Kommentar: Schlechter Ratgeber Angst (von Andreas Schwarz)

Ausgabe vom 29. September 2001

Wien (OTS). Eine Mission ohne Namen ist für die Amerikaner wie ein Auftrag ohne
Ziel. Das ist gar nicht spöttisch gemeint. Wenn es darum geht, ein Unternehmen im Namen von Frieden und Freiheit zu benennen, dann verpacken die USA in den Titel stets auch ein Stück Programmatik. Aus der Operation "Wüstenschild" zum Aufbau einer Allianz gegen den Irak wurde eine Operation "Wüstensturm" zu dessen Vertreibung aus Kuwait. Aus der nach den Terrorattentaten in Washington und New York unter martialischen Racheschwüren angekündigten Operation "Grenzenlose Gerechtigkeit" hinwieder ist inzwischen eine nachgerade moderat klingende Operation "Endlose Freiheit" geworden.
Heißt das, daß der Weltkrieg mit neuem Gesicht, wie ihn Analytiker seit den Massenmorden in den USA heraufdräuen sahen, amerikanischerseits abgeblasen ist? Heißt das für die Welt - und zuallererst für die USA - eine Rückkehr zur Normalität, nur ein klein bißchen Vergeltung fürs Heimpublikum, und irgendwann irgendwo werden amerikanische Häscher die Drahtzieher des Terrors schon dingfest machen? Und erfolgt die Zurückstufung der Kriegsrhetorik (und der Handlungen) bloß aus Verlegenheit, weil der Feind schwer auszumachen ist, oder aus einem Kalkül, das über das Schwarz-Weiß-Denken der ersten Tage hinausgeht?
Wenn die US-Führung schlau ist, und einiges spricht dafür, dann steckt hinter der nun entdeckten Besonnenheit die Erkenntnis, daß die verbreitete Angst vor blutrünstigem Terror nicht durch Angstbeißen zu beseitigen ist. Sondern nur durch selbstbewußte Normalität in Verbindung mit der Versicherung, überlegt an die Wurzeln der Angst zu gehen und sie zu vernichten.
Die Wirtschaft ist ein guter Indikator dafür, daß Angst ein schlechter Ratgeber ist: Die ohnedies von Rezessionsängsten geplagte Welt hat nach dem Terror zwar insgeheim auf Selbstbewußtsein an den Börsen gehofft, aber die Kriegsangst war stärker und ließ die Indizes abstürzen. Erst als die US-Administration einen Krieg im landläufigen Wortsinn immer deutlicher ausschloß, zeigte auch die Wirtschaft Erleichterung.
Das heißt nicht, daß die USA in der Verfolgung ihres Zieles, die Terror-Netze zu durchschneiden, nachgeben sollen, im Gegenteil. Aber Normalität und Entschlossenheit zu demonstrieren statt Kriegshysterie und damit Angst zu schüren - das ist ein Kurs, der auch den Erfolg der Terroristen reduziert. Sie haben ja nicht nur das Stürzen der New Yorker Türme, sondern wohl auch das der Kurse, der Fluglinien und der Zuversicht mit feixendem Vergnügen als ihren Kriegserfolg registriert.
Noch einmal: Angst ist ein schlechter Ratgeber, und das Schüren von Angst ist, weil es den Verbrechern in die Hände spielt, auch ein Verbrechen. Natürlich heißt es aufpassen, sich nicht durch Maßnahmen gegen den Terrorismus selbst der Freiheit zu berauben, die von islamistischen Fanatikern bekämpft wird; aber steht die hysterisch geschürte Angst, durch Vernetzung europäischer Ermittlungen, ja auch durch Fingerprints gingen Grundrechte verloren, in irgendeiner Relation zur jetzt nötigen Besonnenheit? Natürlich macht die Möglichkeit der Einschleusung potentieller Terroristen in Europa Sorge; aber steht das Schüren der Angst, jeder Flüchtling sei ein potentieller Terrorist - und nichts anderes ist Jörg Haiders Vorschlag, Asylwerber außerhalb des Landes schmoren zu lassen -, in irgendeiner Relation zu irgendetwas, außer zu politischem Kleingeld? Mut ist nicht, was die hoffnungslos überschätzte US-Autorin Susan Sontag den Selbstmordattentätern zubilligt. Mut ist, die Angst nicht Überhand gewinnen zu lassen. Wenn das gelingt, sitzen jene, die mit der Angst ihr Süppchen kochen, dann vor einem ziemlich lauen Gebräu.

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