WirtschaftsBlatt-Kommentar - Wirtschaftskapitäne mit dünner Haut von Michael Laczynski

Wien (OTS) - Der wahre Charakter einer Person tritt meistens in Stunden höchster Not zu Tage. Vermeintlich Zaghafte zeigen dann Entschlossenheit, während sich mutmasslich Mutige im letzten Winkerl verkriechen. Dass diese Binsenweisheit auch auf die Wirtschaft und ihre Akteure zutrifft, lässt sich anhand der aktuellen globalen Konjunkturkrise wunderbar beobachten.

Die schöne neue Welt der New Economy produzierte neben astronomischen Produktivitätszuwächsen und schier unendlichen Höhenflügen an den Börsen rund um den Globus auch jede Menge Helden:
Wirtschaftskapitäne, die auf den freien, ungezügelten Markt vertrauten und dem Staat mit seinen lästigen Versuchen der Einflussnahme mutig die Stirn boten. "Politik und Wirtschaft agieren in völlig verschiedenen Welten", stellte etwa Claus Raidl, Chef von Böhler-Uddeholm, noch vor wenigen Monaten fest. Einzige Lösung des Problems: Der Staat müsse sich aus der Wirtschaft zurückziehen und die Macher machen lassen.

Doch in Zeiten drohender Rezession zeigt es sich, dass die Helden der Privatwirtschaft eine erstaunlich dünne Haut haben. Es genügen ein paar konjunkturelle Watschen, schon rennen alle zum Papa Staat und pumpen ihn um Geld an. Jüngstes Beispiel: Die gesamte Elite der deutschen Wirtschaft - von Volkswagen bis Deutsche Bank - fordert von der Regierung eine Finanzspritze im zweistelligen Milliarden-Euro-Bereich. Das Geld solle in die Infrastruktur investiert werden, heisst es. Noch vor einem Jahr hätte eine derartige Forderung in den Konzernzentralen Gelächter ausgelöst:
Antizyklische Fiskalpolitik à la John Keynes galt damals als das mit Abstand abscheulichste Verbrechen, das der Staat an der freien Wirtschaft begehen konnte. Eine Wirtschaftskrise später feiert Keynes ein erstaunliches Comeback. Der US-Ökonom, der für einen aktiven Staat eintrat, ist wieder in. Von den neoliberalen Monetaristen, die ihn in die Wüste schickten, will niemand mehr etwas wissen. Und überall dämmert die Erkenntnis, dass der totale Rückzug des Staats aus der Wirtschaft durchaus problematisch sein könnte.

Fazit: Die Politik wird nur in wirtschaftlich guten Zeiten zu Grabe getragen. Wenn ein kalter Wind zu wehen beginnt, werden die Möchtegern-Totengräber zu ihren grössten Fans. (Schluss) la

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