"Krisen kann man herbei reden - aber nicht weg leugnen " von Herbert Geyer

Wien (OTS) - Heute revidieren die beiden Wirtschaftsforschungsinstitute ihre Prognosen wieder nach unten -bereits zum dritten Mal, seit Finanzminister Grasser sein Nulldefizit-Budget für 2002 vorgelegt hat. Ein Budget, das noch auf den optimistischen Annahmen vom Ende des Vorjahres basiert. Grasser wird - wie stets - jeden Einfluss der immer schlechter werdenden Aussichten auf sein Budget leugnen und weiter darauf beharren, dass das Nulldefizit hält. Schliesslich will er die Krise nicht auch noch herbei reden. Psychologie ist in der Konjunkturpolitik ein ganz entscheidender Faktor. Wenn alle glauben, dass der grosse Abschwung kommt, verhalten sie sich dem ensprechend - und führen damit einen noch viel stärkeren Abschwung herbei: Wenn aus Angst vor der Zukunft weniger investiert, weniger konsumiert und mehr gespart wird, dann bremst das das Wachstum zusätzlich. Eine Krise kann herbei geredet werden - aber nicht weg geleugnet. Wenn jeder sieht, dass die Zeiten schlechter werden, nützt es auch nichts, so zu tun, als wäre das alles nicht wahr. Dann muss eine Regierung - auch das ist Psychologie - den Eindruck vermitteln, dass sie alles tut, um die Krise abzuwenden. Ein einzelner Finanzminister kann da nicht viel tun. Aber Europa - einer der reichsten Binnenmärkte der Welt - wäre durchaus in der Lage, sich am eigenen Zopf aus dem Sumpf zu ziehen. Die Europäer müssten nur konsequent und koordiniert handeln. Die Rezepte dafür liegen auf dem Tisch. Erstens: Arbeit schaffen. Überall in Europa liegen Infrastruktur-Ausbaupläne in den Schubladen. Ihre Verwirklichung würde nicht einmal die Budgets belasten, weil dafür ohnehin ausserbudgetäre Finanzierungsformen vorgesehen sind.

Zweitens: Wirtschaft entlasten. Eine grosse Steuerreform ist momentan nirgends finanzierbar. Aber die für das kommende Jahr geplante Senkung der Lohnnebenkosten könnte man vorziehen.

Drittens: Konsum ankurbeln. Bezieher niedriger Einkommen und kinderreiche Familien müssten gestützt werden, weil deren Geld unmittelbar in den Konsum fliesst. Das geht über entsprechende Lohnabschlüsse, aber auch über Fördermassnahmen wie das neue Kindergeld.

Das belastet natürlich die Budgets. Aber die werden sich schneller wieder erholen, als wenn durch Untätigkeit endgültig eine Rezession ausgelöst wird.

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