"Die Presse" Kommentar: "Stunde der Wahrheit" (von Gerhard Bitzan)

Ausgabe vom 19.9.2001

Wien (OTS) Wenige Stunden nach den furchtbaren Terroranschlägen in New York und
Washington stand die Welt in seltener Einmütigkeit hinter den USA. Von ganz wenigen Ausnahmen abgesehen wurden die abscheulichen Attentate verurteilt, den Amerikanern vollste Unterstützung zugesagt und gelobt, alles nur mögliche zu tun, um bei der Bestrafung der Terroristen mitzuhelfen.
Jetzt, eine Woche später, relativiert sich das ganze schon. Wenn es um konkrete Unterstützung bei einem militärischen Schlag gehen soll, zieren sich so manche Staaten, auch westliche. Für die Amerikaner ist die Bildung einer Allianz gegen den Terror nicht leicht, denn mehr und mehr rücken in den Staatskanzleien in aller Welt innenpolitische Überlegungen in den Vordergrund.
Die Motive sind dabei höchst unterschiedlich: Die einen wollen nur deshalb mithelfen, weil sie die Gefahr des Terrors in ihren eigenen Ländern fürchten. Andere wieder nur, wenn sie politisch oder finanziell etwas dafür bekommen. Und nur einige wenige stehen bedingungslos auf der Seite der USA.
Dabei ist eine gewisse Skepsis tatsächlich angebracht, wenn in Amerika von einem umfassenden Militärschlag gesprochen wird. Schlag gegen wen oder was? Gegen Afghanistan, das den mutmaßlichen Top-Terroristen Bin Laden beherbergt? Will man dort mit einer Armee einmarschieren, in einem Land, in dem sich einst schon die Briten und in den achtziger Jahren die Russen verblutet haben und gedemütigt abziehen mußten?
Die schwierige Topographie des Landes, die nicht vorhandene Verkehrsinfrastruktur und viele andere Probleme machen ein militärisches Abenteuer extrem schwierig und gefährlich. Die USA sind gut beraten, wenn sie sich neue Strategien überlegen, die weniger auf dem Einsatz einer großen Armee, denn auf geheimen Kommandoaktionen beruhen.
Der zuweilen als "Cowboy aus Texas" bezeichnete Bush hat in dieser Krise - nach Anfangsschwierigkeiten - politisches Profil gewonnen. Er will nicht, wie ursprünglich befürchtet, rachsüchtig und unvorbereitet losschlagen. Das gibt Hoffnung, daß sein Anti-Terror-Kampf nicht zu einem neuen Alptraum wird.

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