"Die Presse"-Kommentar: "Niemand will Krieg" (von Andreas Unterberger)

Ausgabe vom 17.9.2001

WIEN (OTS). Niemand will Krieg. Aber wenn es Krieg gibt, dann möge ihn Amerika gewinnen.
Über den zweiten Satz denken in ganz Europa, im Westen wie im Osten, lediglich Elemente außerhalb des demokratischen Konsenses anders. Am äußersten rechten Rand halten einige Unverbesserliche die einstige Bombardierung Dresdens für ein valides Argument; am äußersten linken Rand glauben etliche Unverbesserliche, daß Amerika viel böser sei als der ganze Terrorismus.
Dennoch fürchten auch im breiten Zentrum der Vernünftigen viele Europäer den Krieg. Obwohl die USA moralisch wie rechtlich dazu legitimiert wären. Obwohl nur eine starke Antwort künftige Terroristen abschrecken kann. Obwohl nur heftige Schläge Chancen gegen das ständig aggressiver werdende Netzwerk des Terrors haben, das - allem Anschein nach - in weit mehr als nur einem Land Anker gefunden hat.
Obwohl das derzeit häufig gehörte Argument Unsinn ist: "Gewalt kann nicht mit Gewalt bekämpft werden." Denn war es etwa falsch, Hitler nach seinem Überfall auf Polen mit Gewalt entgegenzutreten (Paris und London waren ja nicht bedroht)? Ist es illegitim, daß staatliche Autorität in aller Welt mit Gewalt gegen Verbrecher vorgeht? Dennoch kann niemand Krieg wollen - selbst wenn die Beweise gegen Afghanistan einmal über alle Zweifel erhaben sein sollten. Es gibt nur ein einziges Argument gegen den Krieg: Er ist nicht zu gewinnen. Ein Angriff auf Afghanistan brächte Amerika wie in Vietnam Niederlagen und erschöpfende Kämpfe ohne Fronten und ohne klares Kriegsziel, in denen Amerikas große Kriegsmaschinerie hilflos gegen Bloßfüßige steht. Zugleich würde die gesamte islamische Welt von den Pariser Vororten bis nach Indonesien an die Seite der eigentlich Schuldigen treten.
Was als Handlungsalternativen bleibt, ist freilich erschreckend wenig. Polizeiliche Vorbeugung gegen potentielle Terroristen hilft nur begrenzt. Und schon protestieren etwa deutsche Rektoren, an deren Unis Täter ihre Schein-Existenz geführt hatten: Keine stärkeren Kontrollen ausländischer Studenten!
Niemand will Krieg, aber viele tragen viel dazu bei, daß Krieg am Ende doch die einzige Antwort wird.

Rückfragen & Kontakt:

Chef v. Dienst
Tel.: (01) 514 14-445Die Presse

OTS-ORIGINALTEXT UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PPR/PPR