"Kleine Zeitung" Kommentar:"Zertrümmerte Illusionen" (von Erwin Zankel)

Ausgabe vom 16. September 2001

Graz (OTS) - Die Kathedrale des Kapitalismus liegt in Trümmern.
Nur noch ein neugotisches Skelett erhebt sich aus Schutt und Asche, der Rest der einst in den Himmel ragenden Doppeltürme des World Trade Center in New York. Auch die Zitadelle des Militärs gleicht einer Ruine. Das Pentagon in Washington, das im Zweiten Weltkrieg als
Trutzburg errichtete Verteidigungsministerium, ist ausgebrannt. Das Herz der mächtigsten Nation der ganzen Welt wurde getroffen.

Mit den Symbolen wurden auch die Illusionen zerstört. Die Unverwundbarkeit der Supermacht Amerika war ein Trugbild. Was helfen Satelliten und Raketen, Tarnkappenbomber und Geheimdienste gegen fanatische Kamikazepiloten in gekaperten Linienmaschinen? Der Krieg der Sterne ist ferne Utopie, der Wahnsinn der Terroristen aber tödliche Realität.

Geplatzt ist auch der Wunschtraum von George Bush sen., der nach dem Fall der Berliner Mauer und dem Sieg im Golfkrieg eine neue Weltordnung proklamierte. George Bush jun. kann nicht den ewigen Frieden ausrufen, sondern muss zum ersten Krieg des neuen Jahrtausends aufrufen.

Es ist ein Krieg, der die Regeln des Völkerrechts sprengt. Anders als
der Vater kennt der Sohn den Feind nicht. Er hat bisher nur einen Verdacht, keinen Beweis. Der Präsident der USA darf nicht blindlings losballern. Das tat auch kein Sheriff in Texas.

Rache ist bald genommen, doch ist damit der Hydra des Terrorismus nicht das Haupt abgeschlagen. Die Welt ist sich einig, dass die Anschläge auf die USA eine Kriegserklärung gegen die Zivilisation waren. Das Bekenntnis zu den gemeinsamen Werten, die das Zusammenleben der Völker erst möglich machen, bindet Amerika und die übrige Welt. Nicht nur die Nato-Partner, die ihre Beistandpflicht soeben beschworen haben. Auch die Nationen außerhalb des Bündnisses können sich nicht absentieren. Eine Neutralität zwischen Gut und Böse gibt es nicht. Ist es überhaupt vorstellbar, dass Österreich das Überfliegen seines Luftraumes verweigert?

Abschied nehmen heißt es ferner von der Illusion, der Terrorismus bedrohe die Freiheit und Freizügigkeit nicht. Eine sichtbare Folge wird die noch gründlichere und zeitraubendere Kontrolle auf den Flughäfen sein. Zu den unsichtbaren Folgen werden engere Vernetzungen der Polizeicomputer zählen, selbst wenn nach den Polizeiexzessen von Genua das Gegenteil gefordert wurde. Wie sonst soll sich eine offene Gesellschaft gegen ihre versteckten Feinde wehren?

Ins Wanken gekommen ist schließlich auch die Vorstellung, der Wohlstand werde gleichsam automatisch wachsen. Die Gewöhnung an den längsten Aufschwung war verführerisch. Man glaubte, dass die Konjunkturzyklen der Vergangenheit angehören. Das süße Leben ist vorbei, das Wirtschaftswachstum erlahmt. Die Gleichzeitigkeit des Abschwungs in Amerika, Japan und Europa wirkt wie ein Strudel. Wird das Inferno von Manhattan morgen, wenn die Börse wieder öffnet, Panik in der Wallstreet auslösen?

Der blutige Dienstag weckt düstere Erinnerungen an den Schwarzen Freitag. ****

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