"Tiroler Tageszeitung" Kommentar: "Die Zeitenwende" (Von Claus Reitan)

Ausgabe vom 15. 9. 2001

Innsbruck (OTS) - Die Welt trauert mit den Vereinigten Staaten von Amerika. Die Beileidsadressen aus Moskau und Peking sind vorerst als ernst und ehrlich gemeint anzunehmen. Der Schock über den Terror hat auch uns, jeden Einzelnen erfasst. Leserinnen dieser Zeitung drücken in Gedichten ihre Wut und Trauer aus, Tiroler Unternehmen rufen zu Lichterketten auf, Familien bangen um Freunde und Angehörige jenseits des Atlantiks.

Nur abgrundtiefe Zyniker meinen, so viel an Mitgefühl hätten die USA nicht verdient. Vielmehr, so sagen manche, geschehe den USA recht, einmal von jener tödlichen Sprengkraft getroffen zu werden, welche ihre Politik und ihr Militär bisher anderen zumuteten.

Die Welt steht jedenfalls mit den USA an einer Zeitenwende, die zuvorderst in Amerika selbst einsetzt. Für US-Bürger war die Außenpolitik ihrer Regierung etwas, was nur den Rest der Welt, aber nicht sie selbst betrifft. Die großen TV-Stationen ABC, CBS und NBC haben in den neunziger Jahren fast die Hälfte ihrer Korrespondenten-Büros geschlossen und die Berichte über das Geschehen im Ausland bis zur Hälfte gekürzt. Wucht und Wut des Angriffes haben die USA daher nicht nur wegen des Versagens der Geheimdienste total überrascht. Die Globalisierung bedeutet auch eine der Information und des Wissens über andere.

Die USA und ihre Bürger müssen nicht nur lernen, andere zu verstehen, sondern auch, mit bestehenden und neuen Partnern politisch global zu kooperieren. Der NATO-Beschluss, der Angriff auf die USA sei einer auf das Bündnis, begründet nicht nur die Beistandspflicht der europäischen Partner. Er verpflichtet vor allem die USA, sich vor einem Gegenschlag mit diesen abzusprechen.

Washington hat mit Moskau eine politische Achse zu schmieden, welche den gegenwärtigen enormen Belastungen standhält. Denn die Fundamentalisten und Terroristen, einst US-Verbündete gegen den Kommunismus, sind nun, nach dessen Untergang, der gemeinsame Feind. Die USA dürfen mit ihren weltweit stationierten 250.000 Soldaten nicht unabgesprochen im Alleingang blindlings zuschlagen.

Dieser neue Feind, den es auszumachen gilt, ist an seinen Taten zu erkennen. Der Anschlag auf New York und Washington galt dem Hort der Demokratie und der Menschenrechte, dem Zentrum der Finanzwelt. Zu diesen Fundamenten der freien Welt gehören aber auch Rechtsstaatlichkkeit und Völkerrecht. Dieses Recht können jene nicht brechen, die auf dessen Einhaltung pochen.

Die USA dürfen nicht in Isolationismus zurückfallen. Und die Weltgemeinschaft darf mit ihr nicht in einfache Feindbilder verfallen. Denn mehr als die Hälfte aller Staaten hat beachtlich große religiöse oder ethnische Minderheiten. So, wie man gegenüber dem Terrorismus nicht neutral sein kann, sind auch die Menschenrechte und die Demokratie nicht teilbar. Sie gilt es, durchzusetzen. Das ist die Lehre dieser Tage. Darin besteht die Zeitenwende. Auch wenn sie, einmal mehr in der Geschichte, durch einen Krieg markiert wird.

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