"Die Presse" Kommentar: "Krieg der Zivilisationen" (von Andreas Unterberger)

Ausgabe vom 15.9.2001

Wien (OTS) Wie können wir das jüngste Stück Weltgeschichte einordnen?
Vergleiche helfen, Unverständliches zu begreifen. Da drängt sich neben der Parallele zu Pearl Harbour immer mehr jene zu Sarajewo 1914 auf. Ein kleines Land provoziert ein großes, indem es die Hintermänner einer schweren terroristischen Provokation deckt. Das große Land setzt Ultimaten, löst die Mechanik eines Weltkriegs aus. Und geht daran zugrunde.
Gewiß: Alles, was hinkt, ist ein Vergleich. Jedoch symbolisiert der Verweis auf Sarajewo die große Sorge, die viele Menschen derzeit in ihrem Herzen haben: Daß der blutige Dienstag erst der Anfang eines noch viel größeren Unheils gewesen sein könnte, daß es am Ende ein Vielfaches der nun unter den Trümmern liegenden Opfer zu beklagen geben könnte, daß die westliche Zivilisation nicht unbedingt als Sieger von der Walstatt des Konflikts, des aufdämmernden Kriegs gehen muß.
Wenn die Bestrafung von Tätern nur unter so schweren Opfern erfolgen kann, daß daneben die Folgen der ursprünglichen Tat verblassen, dann sollte dreimal darüber nachgedacht werden. Auf der anderen Seite wiegt aber unendlich schwer, daß ein Hinnehmen des Schlags ohne ausreichende Reaktion die Ermutigung, ja Aufforderung an Terroristen aller Art zu immer mehr Da capos wäre.
Nur noch als skurril sind daher die Aussagen mancher Völkerrechtler einzuordnen, daß ein Gegenschlag der Amerikaner rechtswidrig wäre, weil der nur bei "unmittelbarer Bedrohung" erlaubt sei, selbst wenn die Täterschaft hundertprozentig nachgewiesen sei. Das macht fassungslos: Wie unmittelbar darf es denn noch sein, meine Herren? Die Messerspitze an der Kehle des Westens genügt offenbar nicht; wieviele Zentimeter muß sie noch in den Körper eindringen, damit eine Reaktion erlaubt sei?
In die gleiche Kategorie an Skurrilität gehört Peter Pilz, der als Lösung die Schaffung eines Internationalen Strafgerichtshofs empfiehlt. Er vergißt nur die Kleinigkeit zu erklären, wie man der Angeklagten auch habhaft wird. Offenbar würde ohne sie der Gerichtstermin nach Juristenart halt einfach unbefristet vertagt. Köstlich ist am Rande auch, wenn Pilz "eine stärkere Vernetzung der internationalen Polizeibehörden" fordert: Nach Genua hat man diese Vernetzung (die ja schon längst passiert) bei den Grünen nämlich noch als Verrat von Amtsgeheimnissen bezeichnet.
Aber zurück zu Wichtigerem als den Grünen: Was tun gegen Terroristen, die nicht bloß aus einem untergetauchten Geschäftsmann und ein paar bezahlten Killern bestehen, sondern aus Untergrundstrukturen in fast allen islamischen Ländern, die dazu mit der klammheimlichen Sympathie vieler irregeleiteter Moslems rechnen können? Immerhin haben die Moslems ja die kollektive Erfahrung gemacht, daß sich Terror auszahlt, ja als einziges auszahlt: Jassir Arafat, um nur den Prominentesten nennen, ist als Ernte seines Terrorismus von einem gejagten Exilpolitiker, der sich kaum aus libanesischen Lagern hinauswagen konnte, zu einem in allen Staatskanzleien respektierten Gast geworden. Begonnen hat sein Aufstieg bekanntlich in Wien, geendet hat er in Jerusalem. Mit Terror wurden auch die in der Schlacht unbesiegbaren Amerikaner mehrfach besiegt. Vom Libanon bis Somalia.
Man muß also sehr wohl mit islamischen Solidaritätsfronten rechnen. Diesen tritt eine absolut sensationelle Allianz zwischen Westen, Russen und Chinesen gegenüber. In solchem globalen Blick wird endgültig klar, welcher Tag heute ist: Der fünfte Tag des Kriegs der Zivilisationen.
Und niemand weiß, wie er noch zu verhindern wäre. Auch wenn Amerika jetzt tatenlos bliebe, wäre der Krieg nicht beendet - es sei denn, man ist schon zur totalen Kapitulation bereit. Und bei der wäre nicht nur Israel das erste Opfer.

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