"Neue Kärntner Tageszeitung" Kommentar: Auch wir an Bord der Titanic

Ausgabe vom 15.09.2001

The Show must go on. Vor dem Hintergrund der Amerika heimsuchenden Terrorgeschehnisse verliert die alte Formel ihre Gültigkeit: Kaum ein Termin, ob wichtig oder unwesentlich, hält; was in Manhattan, im US-Pentagon passiert ist, hat weltweit Abscheu erzeugt. Der abgewetzte, von Inflation besetzte Begriff "Betroffenheit" umhüllt sich mit neuer Gültigkeit. Warum? Wegen der vielen, vielen Toten?

Gewiss: Die Zahl der Opfer erzeugt einen Gruselschauer, und mit angstvoller Sorge blicken wir dem vermutlich knapp bevorstehenden Vergeltungsschlag der Amerikaner entgegen. Ein bedeutender Grund für Kontinente überspannende Abscheu beruht allerdings auch darauf: Wir fühlen deshalb so innig mit Opfern, mit New York und Washington mit, weil in jedem von uns, dem westliches Kulturblut in die Wiege gelegt worden ist, ein mehr oder weniger "echter" Amerikaner steckt.

Nicht nur das sichtbare Ausmaß der Terrorkatastrophe erschreckt uns. Den Anschlägen entströmt eine umfassendere Botschaft, und sie ist gegen uns gerichtet. Der amerikanische Way of Life mit seinen Filmen und Jeans, Pop und Technik und Vergnügungswahn ist längst der unsere geworden. Die KTZ-Titelseite vom 13. September zeigt einen Coca-Cola-Lkw in den Trümmern des World Trade Centers. Yes: That´s our Coke, dies ist unsere zerbrochene Welt. Und als die Türme in einem Staubozean untergingen wie die Titanic, waren all diejenigen, die jemals einen US-Urlaub genießen haben dürfen, also Zehntausende von Österreichern, in Gedanken mit an Bord.

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